Scham als Kunstthema: Im Bunker K 101 in Köln-Ehrenfeld zeigen 49 Künstler Werke zu einem Gefühl, das uns alle betrifft – von Barschel bis Gisèle Pelicot.
Scham kennt jeder. Ob Fremdscham, eigene Peinlichkeiten oder das kollektive Schaudern über politische Skandale – das Gefühl ist universell. Genau deshalb hat der Kunstverein 68elf „Scham“ zum Titel seiner großen Jahresausstellung gemacht. Und die findet an einem ganz besonderen Ort statt: im Bunker K 101 in Köln-Ehrenfeld.1
Insgesamt 49 Künstlerinnen und Künstler steuern Werke zur Ausstellung bei – und die könnten unterschiedlicher kaum sein. Von Malerei über Skulptur bis hin zu Video und Performance ist alles dabei. Kuratiert wurde das Ganze von einem siebenköpfigen Team aus dem Verein.1
Eines der auffälligsten Werke stammt von Agii Gosse, der Vorstandsvorsitzenden des Kunstvereins selbst: Sie hat die ikonische Szene von Uwe Barschel in der Badewanne gemalt und auf ein großes Handtuch gedruckt – passend zum Tatort. Der CDU-Politiker beteuerte 1987 mit seinem „Ehrenwort“, seinen SPD-Konkurrenten Björn Engholm nicht bespitzelt zu haben. Die eidesstattlichen Versicherungen erwiesen sich später als falsch. „Damals hat man Politikern ja noch geglaubt“, sagt Gosse trocken. Schwarzer Humor ist eben das Markenzeichen vieler Werke im Kunstverein 68elf.1
Besonders berührend ist die Installation der Künstlergruppe „Kollektiv Worst Case“: Eine Wippe, deren eine Seite trotz schwerer Sandsäcke in der Luft hängt – während die eigentlich unbelastete Seite auf dem Boden klebt. Der Titel „Die Scham muss die Seite wechseln“ ist ein Zitat von Gisèle Pelicot, die 2024 die an ihr begangenen Vergewaltigungen durch ihren Ex-Mann und 50 weitere Täter öffentlich machte. Das Bild trifft ins Mark: Die Schuld liegt auf der falschen Seite der Wippe – und das macht die Installation so kraftvoll.1
Nicht alles in der Ausstellung ist politisch – auch ganz persönliche Momente der Scham finden ihren Platz. So zeigt ein Künstler eine „Ehrenurkunde“ aus dem Jahr 1976 für den sechsten Platz bei einem Feriensport-Fecht-Turnier. Was auf den ersten Blick wie eine ehrenwerte Auszeichnung wirkt, entpuppt sich durch ein kleines rotes Infokästchen als das, was es wirklich war: der letzte Platz unter sechs Teilnehmern. Zu cute für eine Urkunde? Zu schamhaft für die Schublade? Ihr entscheidet selbst.1
Genau das ist es, was die Ausstellung so besonders macht: „Die Betrachter stoßen auf ihre eigene Scham oder schämen sich fremd“, sagt Gosse. Das Thema trifft jeden – auf seine ganz eigene Weise.1
„Scham“ ist mehr als nur ein Ausstellungstitel – es ist eine Einladung, sich selbst zu begegnen. Ob politische Skandale, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten oder der peinliche sechste Platz beim Feriensport: Die Jahresausstellung des Kunstvereins 68elf schafft es, ein zutiefst menschliches Gefühl in all seinen Facetten sichtbar zu machen. Wenn ihr also in NRW unterwegs seid und Lust auf Kunst habt, die wirklich etwas auslöst – schaut vorbei.1
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