Unter Köln schlummert ein 2000 Quadratmeter großes Gewölbe aus dem Jahr 1895 – heute Heimat der Winebank. Hier steht die Zeit wirklich still.
Kein Tageslicht, konstante 16 Grad Celsius und eine Stille, die die Stadt da oben fast vergessen lässt – willkommen in einem der faszinierendsten Orte unter Köln. Nahe dem Ebertplatz, nur 200 Meter vom Rhein entfernt, versteckt sich ein 2000 Quadratmeter großes Gewölbe, das seit 1895 unter der Erde schlummert. Wer den unscheinbaren Eingang findet und hinuntersteigt, taucht in eine andere Welt ab.1
Kaum zu glauben, aber Köln war jahrhundertelang eine echte Weinstadt. Im Mittelalter stellte die Stadt den zentralen Knotenpunkt des westeuropäischen Weinhandels dar – noch vor dem Burgund. Deutsche Weißweine von der Mosel, aus dem Rheingau oder von der Saar galten international als führend. „Das wissen ganz viele Menschen nicht“, sagt Gunnar Oswald, Geschäftsführer der Winebank, die heute in dem historischen Keller zu Hause ist.1
Gebaut wurde der riesige Gewölbekeller ab 1895 vom Kölner Weinhändler Otto Engels – als Lagerstätte für Weine, die den Rhein herunterkamen und von Köln aus in die Welt verschifft wurden. Die Gewölbebögen aus Beton sind bis heute erhalten. Seinen eigenen Keller konnte Engels selbst allerdings nie richtig nutzen: Er starb im August 1898 in Godesberg infolge eines Herzschlags. Beim Einzug 1899 leiteten bereits seine Witwe Luise und Sohn Paul das Unternehmen. Damals wurden die schweren Fässer über eine Winde in den Keller gewuchtet und auf sogenannten Fässerstraßen – leicht erhöhten Steinführungen – durch das Gewölbe gerollt.1
Der Zweite Weltkrieg zerstörte nicht nur das Herrenhaus über dem Keller, sondern auch die Händlerstrukturen, die den deutschen Wein in alle Welt gebracht hatten. Der Keller selbst überstand die Bomben – verlor aber seinen Sinn und lag danach jahrzehntelang brach. In den 1980er Jahren versuchte man, hier wieder einen Weinhandel zu betreiben. Vergeblich: Die Luftfeuchtigkeit war zu hoch, Etiketten lösten sich, Ware verdarb.1
Heute ist das zum Glück Geschichte. Dank eines ausgeklügelten Klimasystems – Oswald beschreibt den Technikraum als „U-Boot-Kommandozentrale“ – ist der Keller wieder nutzbar. Die Temperatur bleibt konstant, ein Großteil der Feuchtigkeit wird herausgefiltert. Ganz verschwunden ist sie aber nie: Wenn es ganz still ist, hört man ab und zu ein leises Tropfen.1
Heute beherbergt das historische Gewölbe die Winebank – einen geschlossenen Weinclub, in dem Mitglieder ihre liebsten Flaschen in Tresoren einlagern und den Ort jederzeit aufsuchen können. In den Fächern lagern die unterschiedlichsten Weine: sehr teure, sehr alte, aber auch günstige. Und manchmal auch ganz besondere – wie eine Flasche, die beim Ahr-Hochwasser Schaden genommen hat.1
Straßenbahngeräusche und Autoverkehr sind zwar bisweilen zu hören, wirken aber wie weit entfernte Erinnerungen an die Wuseligkeit des nahen Ebertplatzes. Genau das schätzen die Menschen, die hierher kommen: die Abgeschiedenheit, die Ruhe, das Gefühl, für die Dauer des Besuchs aus Zeit und Raum herausgefallen zu sein.1
Gunnar Oswald erinnert sich an einen Moment, der alles auf den Punkt bringt: Einmal kam ein Sohn mit seinem Vater in den Keller – kein Geburtstag, kein Anlass, einfach so. Sie holten Gläser, öffneten eine Flasche Wein und redeten Stunde um Stunde. Danach sagte der Sohn, dieser Abend sei einer der wertvollsten gewesen, die er je mit seinem Vater verbracht habe.1
An einem Ort unter der Erde, an dem Zeit keine Rolle spielt. Wenn das kein Grund ist, mal einen Ausflug unter Kölns Straßen zu planen – was dann?
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