Die Kerpener Straße in Köln-Lindenthal steckt voller Überraschungen: vom ältesten evangelischen Friedhof im Rheinland bis zu brutalem Beton-Charme der…
Wusstest du, dass es in Köln gleich acht Straßen gibt, die nach Städten aus dem Rhein-Erft-Kreis benannt sind? Eine davon ist die Kerpener Straße im Kölner Stadtteil Lindenthal – und die hat es echt in sich. Wer hier durchfährt oder -läuft, denkt vielleicht erstmal: Durchfahrtsstraße, viel Betrieb, viele Studis. Stimmt alles. Aber halt mal kurz an und schau genauer hin – denn hinter den grünen Baumreihen verstecken sich echte Schätze.1
Die 1,3 Kilometer lange Straße ist vor allem eines: ein Knotenpunkt für alle, die zur Universität oder zur Uniklinik wollen. Bepackt mit Rucksäcken und Aktentaschen rauschen täglich zahlreiche Räder, Autos und Roller über die Kreuzung am Weyertal. Vergleichsweise wenige Wohnhäuser stehen hier – dafür reiht sich ein Universitätsgebäude ans nächste, von der Bibliothek bis hin zur Universitätsklinik.1
Medizinstudent David Tasci (25) kennt die Straße in- und auswendig. Er pendelt regelmäßig zwischen Uniklinik und Universitätsbibliothek, wo er gerade an seiner Doktorarbeit schreibt. Sein Fazit? „Gegenüber der Frauenklinik sind so kleine Häuser, die etwas dörflich anmuten. Dort zu wohnen, stelle ich mir schön vor. Da wohnt man im Grünen mitten in der Stadt.“1
Wer die Kerpener Straße stadteinwärts entlangläuft, stößt auf ein echtes Highlight: das Gebäude der Zahnklinik. Während die meisten Medizinbauten hier modern und nüchtern wirken, sticht dieser Altbau aus Backstein sofort ins Auge. Im Giebelfeld prangt der Preußenadler – einst das Wappen der Rheinprovinz. Davids Kommilitonin Sarah Potrafki erinnert sich: „Ich fand das Gebäude schön, weil man in Köln gar nicht so häufig solche Bauten sieht.“1
Noch überraschender ist, was ein paar Schritte weiter wartet: der Geusenfriedhof – und der ist alles andere als gewöhnlich. Bereits 1576 angelegt, gilt er als der älteste evangelische Friedhof im Rheinland. Der Name geht auf niederländische Glaubensflüchtlinge zurück, die sogenannten Geusen, die im 16. Jahrhundert nach Köln kamen. Da Protestanten damals nicht innerhalb der Stadt bestattet werden durften, lag der Friedhof außerhalb der Stadtmauern. Die letzte Bestattung fand 1875 statt, danach geriet der Ort bis in die 1980er Jahre in Vergessenheit – bis die evangelische Gemeinde sich um seine Erhaltung kümmerte. Heute kann man hier Grabdenkmäler und Inschriften aus dem 16. bis 19. Jahrhundert bestaunen.1
Gleich nebenan wartet der nächste Eyecatcher – diesmal aus einer ganz anderen Ecke der Architekturgeschichte. Die Universitäts- und Stadtbibliothek, zwischen 1964 und 1968 vom Stuttgarter Architekten Rolf Gutbrod erbaut, ist ein klassisches Beispiel für Brutalismus: Sichtbeton, wabenartige Außenwände, klare und abstrakte Gestaltung. Heute beherbergt der dreigegliederte Betonbau rund 4,6 Millionen Medien im Gesamtbestand, davon über 705.000 Bücher und Zeitschriften.1
Ob man den Stil mag oder nicht – darüber lässt sich streiten. Die Funktionalität und die soziale Idee dahinter, nämlich schnellen und bezahlbaren Wohn- und Nutzraum in der Nachkriegszeit zu schaffen, sind jedenfalls kaum zu leugnen.1
Was alle Studierenden an der Kerpener Straße vereint: die Liebe zu den Bäumen. Jurastudentin Lily Kühne bringt es auf den Punkt: „Die Straße ist bestimmt eine der grünsten in der Kölner Innenstadt. Das finde ich schön, im Gegensatz zu den zunehmend versiegelten Flächen hier in der Unigegend.“ Wenn der neue Albert-Magnus-Platz um die Ecke im Sommer mal wieder zur Betonwüste wird, bietet die Kerpener Straße wenigstens einen schattigen Spaziergang – mit jeder Menge Entdeckungen am Wegesrand.1
Also: Das nächste Mal, wenn du durch Lindenthal fährst oder läufst – Augen auf! Denn die Kerpener Straße hat definitiv mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick denkt.
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