Mario war über 30 Jahre drogenabhängig – heute hält er als „Kölner Feger
Um sechs Uhr klingelt der Wecker, ein Kaffee, dann rein in die knallorange Latzhose – und ab in die Kölner Innenstadt. Was klingt wie ein ganz normaler Arbeitstag, ist für Mario (52) viel mehr als das: eine zweite Chance, ein neuer Anfang und irgendwie auch eine Entschuldigung. Denn die Plätze, die er heute sauber hält, waren früher sein Zuhause – als Drogenabhängiger ohne festen Wohnsitz. Mario ist einer der „Kölner Feger“, und seine Geschichte zeigt, wie viel Kraft in einem einfachen Konzept stecken kann.1
Die „Kölner Feger“ sind ein Beschäftigungsprojekt des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) – genauer gesagt der SKM-Tochtergesellschaft De Flo. Seit 2015 sind die Teilnehmenden mit blauen Jacken und Westen, Müllzangen und Eimern auf festen Routen durch die Kölner Innenstadt und Mülheim unterwegs. Aktuell gibt es 16 Plätze, verteilt auf zwei Gruppen.1
Das Besondere: Das Projekt richtet sich ausschließlich an Menschen in der Drogensubstitution – also Menschen, die ihren Drogenkonsum durch ein ärztlich begleitetes Ersatzmedikament ersetzt haben. Nicole Syré von De Flo erklärt das Prinzip dahinter: Wer aufhört zu konsumieren, verliert die Struktur, die vorher der Alltag der Beschaffung vorgegeben hatte. Genau diese Struktur ersetzen die „Kölner Feger“ – und zwar mit einer sinnstiftenden Tätigkeit: „Genau diese Plätze werden gereinigt, die durch Drogenkonsum verunreinigt werden.“1 Zusätzlich werden die Teilnehmenden sozialpädagogisch begleitet – von einem Team, das die Menschen laut Syré „in ihrem Tempo“ abholt.
Mario ist seit Beginn des Projekts dabei – mit Unterbrechungen kommt er auf rund sechs Jahre als „Feger“. Mehr als 30 Jahre sei er inzwischen abhängig, erzählt er offen. Vor seiner Zeit bei den „Fegern“ habe er gar nicht gearbeitet: „Vorher war ich auf der Straße, mich hat Arbeiten gar nicht interessiert.“1
Heute ist Mario nach eigenen Angaben konsumfrei und nicht mehr so tief in der Szene verstrickt wie früher. Was ihm die Arbeit gibt? Ganz klar: „Struktur. Dann weiß ich schon mal, einen halben Tag habe ich rum, da habe ich keinen Mist gebaut.“ Die Rückkehr an die Plätze seiner Vergangenheit habe am Anfang Überwindung gekostet – mittlerweile sei es für ihn Normalität. Er sieht seine Arbeit auch als Beitrag für Köln: das sauber zu machen, was er jahrelang verschmutzt habe. „Wie eine Entschuldigung“, sagt Mario.1
Dass seine Arbeit von außen honoriert wird, stärkt Mario zusätzlich. Passantinnen und Passanten loben die „Feger“ häufig, auch Kolleginnen und Kollegen der Abfallwirtschaftsbetriebe zeigen Anerkennung. „Das gibt einem viel Stärke, dass man geachtet wird für das, was man macht.“ Etwas, das er vorher nie erlebt hatte. Selbst aus seiner früheren Szene kommen nicht nur negative Reaktionen: „Manche sagen: Korrekt, dass du das durchziehst.“1
Finanziert wird das Projekt vom Jobcenter Köln. Dessen Geschäftsführerin Sabine Mendez betont: „Dabei gewinnen beide Seiten.“ Einerseits geht es um Existenzsicherung und Teilhabe für Menschen, die weit vom regulären Arbeitsmarkt entfernt sind – andererseits profitiert die Stadtgesellschaft von saubereren Plätzen. Für jede geleistete Stunde erhalten die Teilnehmenden eine Aufwandsvergütung als Anerkennung.1
Mehr als zehn Jahre nach dem Projektstart hat sich die Kölner Drogenszene verändert. Jens Röskens, Vorstandsmitglied für Sozialpolitik beim SKM Köln, beschreibt es so: „Wir wissen, dass sich die Substanzen und die Konsummuster verändert haben. Im öffentlichen Raum ist das deutlich spürbar geworden.“ Für die „Feger“ bedeutet das: weniger Spritzenfunde, aber ein Konsum, der sich über mehrere Orte verteilt – etwa am Ebertplatz oder am Appellhofplatz. Der dreckigste Ort ist für Mario aktuell übrigens nicht mehr der Neumarkt, sondern der Friesenplatz.1
Mit Blick auf ein geplantes Suchthilfezentrum sieht der SKM im Modell der „Feger“ eine mögliche Blaupause für weitere ähnliche Angebote. Nicole Syré bringt es auf den Punkt: Man müsse sich „auch in der Beschäftigungsart immer wieder neu erfinden“.1
Mario lebt heute in einer betreuten Wohnform. Rückfälle hat es gegeben – er sagt es offen. Aber er ist immer wieder zurückgekommen. Zu den „Fegern“, zu seiner Struktur, zu seinem neuen Alltag. „Wenn mir das einer vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich mal da lande, wo ich jetzt bin – ich hätte es nicht geglaubt.“1 Seine Geschichte zeigt: Manchmal steckt der Neuanfang genau dort, wo man zuletzt angefangen hat.
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