Im Keller unter dem Kölner Zoo-Aquarium züchten Pfleger bedrohte Tierarten nach. Was dahintersteckt und welche Erfolge das Team bereits feiern konnte.
Wer das Aquarium des Kölner Zoos besucht, sieht eigentlich nur die halbe Geschichte. Denn direkt unter den Schaubecken, in ehemaligen Besenkammern und Lagerräumen, spielt sich etwas ab, das kaum jemand kennt – und das für das Überleben ganzer Tierarten entscheidend sein kann. Willkommen in der „Kölner Arche“.1
Das Aquarium wurde 1971 eröffnet – und das merkt man dem Gebäude auch an. Doch hinter einer unscheinbaren Tür im Erdgeschoss, über eine Treppe und dann wieder runter in den Keller, beginnt eine Welt, die Besucherinnen und Besucher normalerweise nie zu Gesicht bekommen. Die Luft ist schwül, die Wände kahl. Früher lagerten hier Goldfische, Werkzeug und Besen. Heute beherbergen die Räume einen Salamanderraum, zwei Quarantänestationen, einen Waran-, Schlangen-, Gecko- und Krokodilschwanzechsenraum sowie einen Amphibienraum.1
Aquariumsleiter Thomas Ziegler, seit 2003 im Amt, hat diesen Umbau vorangetrieben. Sein Credo: „Hier sollten so viele Betten und Zimmerchen wie möglich für bedrohte Arten entstehen, wie das in unserer Macht stand.“1
Das Prinzip dahinter nennt sich „One Plan Approach“, ein Konzept der Weltnaturschutzunion IUCN. Zoo und Ursprungsland arbeiten gemeinsam an der Rettung einer Art: Der Zoo züchtet die Tiere nach, die Partner in den Herkunftsländern versuchen gleichzeitig, den Lebensraum wiederherzustellen. Köln ist dabei für Südostasien zuständig – mit Partnerprojekten in Vietnam, auf den Philippinen und in Laos.1
Ziegler selbst forscht seit fast 30 Jahren in Vietnam und hat dort seine Doktorarbeit geschrieben. Aber auch eine lokale Kölner Art profitiert von der Arche: die Wechselkröte. Gemeinsam mit dem NABU, der dafür 60 Gewässer angelegt hat, sollen die herangezüchteten Tiere bald wieder in die freie Natur entlassen werden.1
Terrariums-Reviertierpflegerin Anna Rauhaus ist seit 2011 dabei und kümmert sich um rund 70 Reptilien- und 35 Amphibienarten. Wenn es gut läuft, züchtet sie bis zu über 40 Arten im Jahr nach. Ihre Arbeit ist so bedeutsam, dass sogar eine Froschart aus Vietnam nach ihr benannt wurde: Annas Moosfrosch.1
Züchten klingt dabei einfacher als es ist. „Das ist eigentlich für jede Art unterschiedlich. Und das ist eben viel Ausprobieren“, erklärt Rauhaus. Manche Geckos haben eine temperaturabhängige Geschlechtsfestlegung – bei wärmerer Inkubation schlüpfen mehr Männchen, bei kühlerer mehr Weibchen. Diese Daten müssen erst mühsam erarbeitet werden. Bei manchen Arten hat das Team zehn Jahre gebraucht, bis die Nachzucht gelungen ist.1
Manche Projekte zeigen eindrücklich, was möglich ist. Vier Larven des vietnamesischen Krokodilmolchs kamen nach Köln, zwei wurden groß. 2018 vermehrten sie sich zum ersten Mal. Mittlerweile hat das Aquarium über 600 dieser Tiere großgezogen – und die Art wurde in der Roten Liste eine Kategorie heruntergestuft: von „stark bedroht“ auf „bedroht“. Ein Teilerfolg, auf den das Team zu Recht stolz sein kann.1
Ähnliches gilt für die vietnamesische Krokodilschwanzechse. Von der vietnamesischen Unterart gab es in der Natur nur noch rund 200 Tiere. Aus fünf genetisch identifizierten Exemplaren sind in Europa mittlerweile rund 80 geworden, verteilt auf 14 Zoos. Im November vergangenen Jahres wurden erstmals zwölf Nachzuchten nach Vietnam zurückgeschickt – und das erste Weibchen hat dort bereits eigene Jungtiere bekommen.1
Nicht alle Tiere kommen über offizielle Zuchtprogramme in den Keller. Über 25 Reptilienarten im Terrarium stammen aus Beschlagnahmungen – an Flughäfen aufgegriffen, in Koffern geschmuggelt, in katastrophalem Zustand eingeliefert. Das Aquarium übernimmt sie, pflegt sie gesund und lässt genetische Untersuchungen durchführen. „Auf einem beschlagnahmten Tier steht nicht, woher es kommt“, erklärt Rauhaus. Dann informiert das Team die Ursprungsländer: „Wir haben etwas von euch. Wollt ihr es zurück?“1
Das gelingt nicht immer. Zwei Schildkröten aus Myanmar konnten wegen des Krieges nicht in ihre Heimat zurück. Zu dem Zeitpunkt galten sie als die bedrohteste Schildkrötenart der Welt. „Wir können helfen in Krisenzeiten, bei Kriegen, aber auch bei Krankheitsausbrüchen, invasiven Arten und Naturkatastrophen“, sagt Rauhaus.1
Zu den besonderen Bewohnern des Kellers gehört der Madagaskar-Schönkopfgecko. Der Kölner Zoo war der erste Zoo weltweit, der diese Art aufgenommen hat. Der Gecko kommt nur in einem einzigen Wald auf Madagaskar vor und ist dort vom Aussterben bedroht. Die Jungtiere – schwarz-weiß gestreift mit rotem Schwanz – werden an andere Zoos weitergegeben, um das Erhaltungsnetzwerk zu stärken.1
Für Ziegler ist der moderne Zoo kein Gefängnis, sondern ein Rettungsnetz: „Wenn unsere Bude abbrennt, müssen wir auch in ein Hotel, bis die wieder hergerichtet ist. Und so ist das auch draußen, wo Lebensräume zerstört werden, da können Zoos helfen.“ Und wenn eine Art erst einmal ausgestorben ist? Seine Antwort ist kurz und eindeutig: „Dann haben wir verloren.“1
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