Der Kölnische Kunstverein zeigt erstmals drei Ausstellungen gleichzeitig – von Gruselvideo bis Karl-Lagerfeld-Kostüm.
Wer dachte, Kunstvereine wären irgendwie trocken und langweilig, sollte jetzt mal kurz aufhorchen. Der Kölnische Kunstverein hat sich in ein riesiges Grusel- und Kuriositätenkabinett verwandelt – und das gleich mit drei neuen Ausstellungen auf einmal. Laut Direktorin Valérie Knoll ist das eine absolute Premiere des Hauses. Die drei Schauen haben so viel gemeinsam, dass sie einfach zusammengehören. Das verbindende Element? Die Bühne, die Inszenierung, das Theatrale. Klingt spannend? Ist es auch.1
Im Erdgeschoss empfängt euch die US-amerikanische Künstlerin Ser Serpas mit ihrer großen Einzelausstellung „Sonderbare Tage“. Als Inspiration diente ihr die berühmt-berüchtigte „Rocky Horror Show“ sowie der ikonische Riphahn-Bau selbst. Den großen Saal hat sie kurzerhand in eine Bibliothek zurückverwandelt – tatsächlich ein historischer Rückgriff, denn der Raum diente schon einmal als Bibliothek, als das Gebäude noch Sitz des British Councils war.1
Jetzt stehen da ausrangierte Regale aus Kölner Bibliotheken, gefüllt mit Katalog-Restbeständen aus dem Keller des Kunstvereins. Und zwischendrin? 30 alte, kollektiv fiepsende Monitore, auf denen ein einziger Film läuft. Hallende Schritte, panisch fliehende junge Menschen – aber wovor? Das verrät Serpas bewusst nicht. Das Gefühl unserer Zeit, eine Generation voller diffuser Angst und fehlender Safe Spaces, macht sich breit. Unbehaglich auf die beste Art.1
Wer dann noch ins hauseigene Kino schlendert, erlebt „I may be rocky, but my picture is stable“ (2026) von Obadiah Russon – eine Neuinterpretation der Eingangssequenz der „Rocky Horror Picture Show“, aufgenommen mit einer Minikamera aus dem Mund heraus. Bei Live-Performances treten Kölner Dragqueens auf und hauchen dem Kultfilm neues Leben ein. Backstage wartet außerdem ein versteckter Green Room mit Kostümen, Schminke und Requisiten – vielleicht der einzige echte Rückzugsort in dieser ganzen, wunderbar verstörenden Ausstellung.1
Im zweiten Geschoss wird’s noch schräger. Die drei Schweizer Andreas Selg, Fabienne Boldt und Emanuel Rossetti haben das Stockwerk in ein „Anatomical Theatre“ verwandelt. Selg greift dabei die in der Barockzeit populären öffentlichen Obduktionen in sogenannten anatomischen Theatern auf. Für die Recherche reiste er gemeinsam mit dem Fotografen Rossetti nach Edinburgh – einer echten Hochburg des makabren Theaters.1
Weil die Sezierschauen dort so beliebt waren, entstand schnell ein blühender Schwarzmarkt mit gestohlenen Leichen. Noch heute zeugen Käfige und Wachtürme auf Edinburgher Friedhöfen davon. Schwarz-Weiß-Fotografien dieser Architekturen eröffnen die Ausstellung, bevor es in den Riphahnsaal geht. Das absolute Highlight: zwei fast fluoreszierende Bilder an der Bühnenrückwand. Seltsame Skelette mit wallenden Locken – in Wirklichkeit sind es CT-Aufnahmen einer Barockperücke, die Selg von einem Schweizer Arzt anfertigen ließ und die Fabienne Boldt anschließend aquarelliert hat. Statt der Leiche in der Mitte des Rundtheaters wird eben das liebste Accessoire des schaulustigen Publikums durchleuchtet. Wie verrückt ist das bitte?1
Ganz oben, im dritten und kleinsten Ausstellungsgeschoss, wartet die wohl kurioseste Geschichte von allen. „The Leatherman“ basiert auf Peter Chatels Theaterstück aus den 70er Jahren – und übrig geblieben ist davon vor allem ein einziges, ikonisches Lederkostüm, entworfen 1978 von Karl Lagerfeld. Der Ledermann, bürgerlich Hans Eppendorfer, hat eine bewegte Biografie: Jugendlicher Mörder, Gefängnisschriftsteller, Lederdominator auf St. Pauli und schließlich Protagonist eines Buches des Ethnografen Hubert Fichte – das wiederum die Grundlage für das Theaterstück bildete.1
Die Kabinettausstellung im Kölnischen Kunstverein rekonstruiert diesen Mythos mit einer intensiven Spurensuche und betont dabei das queere Erbe dieser irren Geschichte. Eine Bühne illustrer Selbstinszenierung – passender könnte es nicht sein.1
Drei Ausstellungen, ein Haus, jede Menge Gänsehaut-Momente – das ist genau die Art Kulturerlebnis, für die ein Ausflug nach Köln sich lohnt. Also, Tickets schnappen und ab in den Riphahn-Bau!1
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