Elf Meter unter Köln reinigen Kanalarbeiter Fett und kämpfen gegen Ratten – und gleich nebenan wartet ein Kronleuchtersaal aus dem 19. Jahrhundert.
Wer denkt, Köln endet an der Oberfläche, hat noch nicht tief genug geschaut. Elf Meter unter der Riehler Straße, nahe des Reichenspergerplatzes, steckt Sascha Link von den Stadtentwässerungsbetrieben Köln (Steb) mitten im Kanal – und das schon um sechs Uhr morgens. Kanalreiniger ist sein Job, und der hat es buchstäblich in sich. 1
Bevor es in die Tiefe geht, muss der Lkw mit Wasser befüllt werden, damit das abgesaugte Abwasser aufbereitet werden kann. Dann geht’s zu den Schachtdeckeln – gut 30 Kilogramm schwer, geöffnet mit Spezialwerkzeug. Und dann: runter. Mit Falldämpfern, Sicherheitsgurt, Helm mit Lampe und festem Schuhwerk geht’s in den Untergrund. 1
„An diesen Geruch gewöhnt man sich nie“, sagt Sascha Link über seinen Arbeitsalltag. Die Übeltäter? Fette im Abwasser. Fäkalien seien laut Link kein Problem mehr – aber Fette stinken umso intensiver. Und die wollen er und seine Kollegen loswerden. Mit einem Spaten stechen sie das Fett zunächst ab, dann wird es mit einem Schlauch abgesaugt. Dazu kommt eine spezielle Düse, die wie eine Rakete in den Kanal geschossen wird und mit 200 Bar Wasserdruck – zum Vergleich: ein Autoreifen hat etwa zwei Bar – den Dreck an den Ausgangspunkt spült. 1
Für diesen Kanal brauchen die Kanalreiniger ausnahmsweise eine ganze Woche. Normalerweise ist eine Baustelle pro Tag erledigt – aber die Fettbelastung hier ist einfach zu groß. 1
Die Luft unten ist feucht und warm. Sascha Links Brille beschlägt. Die Luftfeuchtigkeit ähnelt der eines Tropenhauses – allerdings gibt es hier keine Affen, sondern Ratten. Und die haben einen Grund für ihr Vorkommen: Essensreste, die in die Kanalisation gespült werden, lassen die Rattenpopulation wachsen. Feuchttücher und Lappen machen zusätzlich Ärger, weil sie die Kanäle verstopfen und den Aufwand – und damit die Kosten – in die Höhe treiben. 1
Das komplette Kanalnetz unter Köln umfasst übrigens rund 2.400 Kilometer. Alle 15 Jahre muss es laut den Steb einmal komplett gereinigt und inspiziert werden. Das Abwasser fließt in Richtung der fünf Kläranlagen der Stadt – die größte davon befindet sich in Stammheim. 1
Gefunden haben Kanalreiniger im Laufe der Zeit übrigens so einiges, was dort nicht hingehört: E-Scooter, Einkaufswagen, Motorroller – und jede Menge Tischtennisbälle, die auf dem Fett aufliegen. 1
Klingt nach einem schlechten Ort für Glamour – ist es aber nicht. Nicht weit von Sascha Links Baustelle, am Theodor-Heuss-Park, wartet ein ganz besonderes Highlight im Kölner Untergrund: der Kronleuchtersaal. Sieben Meter führt die Treppe nach unten, dann öffnet sich ein Raum von fünf Metern Breite, 20 Metern Länge und drei Metern Höhe – und an der Decke hängt ein Kronleuchter. Vor Kalk weiß angelaufen, blitzt die silberne Farbe nur noch an wenigen Stellen auf. 1
Stefan Schmitz von den Steb führt seit mehr als 25 Jahren Besuchergruppen in diesen besonderen Ort. Der Saal wurde Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Kölner Stadterweiterung als Teil eines modernen Kanalisationssystems gebaut. Zur Einweihung wurden zwei Kronleuchter und mehrere Wandleuchter installiert – woher sie genau stammten, ist laut Schmitz nicht vollständig geklärt. 1
Als die Steb den Saal im Jahr 2000 für Besichtigungen öffneten, hing dort kein einziger Kronleuchter mehr. Wahrscheinlich sind die ursprünglichen irgendwann weggerostet – die hohe Luftfeuchtigkeit in der Kanalisation macht normalem Eisen schnell den Garaus. Im Oktober kommt der aktuelle Kronleuchter deshalb jedes Jahr herunter, wird komplett abgeschliffen, neu verkabelt und wieder silbern angestrichen. Ab März ist er dann bereit für die nächsten Führungen. 1
Bis 2019 fanden in dem Kanal, der an den Kronleuchtersaal anschließt, sogar einmal im Jahr Konzerte statt – die Akustik durch die Länge des Kanals war besonders gut. Weil ein zweiter Notausgang fehlt, sind diese Konzerte inzwischen Geschichte. 1
Du willst diesen verrückten Ort mit eigenen Augen sehen? Einmal im Monat bieten die Stadtentwässerungsbetriebe Köln Führungen durch den Kronleuchtersaal an. Etwas Kanalgeruch inklusive – aber auch eine Menge Geschichte, die man so schnell nicht vergisst. Köln von unten ist eben eine ganz andere Welt. 1
Wir informieren dich regelmäßig über aktuelle Nachrichten, Staus und wichtigen Themen - ohne Dich zu nerven!