Die Bildungsinitiative „Keupstraße ist überall“ erinnert mit einer Ausstellung in Köln an den NSU-Nagelbombenanschlag von 2004 – und schafft einen Ort zum…
Stell dir vor, du hältst einen zehn Zentimeter langen Zimmermannsnagel in der Hand. Klingt erstmal unspektakulär – bis du weißt, dass am 9. Juni 2004 über 700 davon als tödliche Geschosse durch die Luft flogen, als eine Nagelbombe vor dem Friseursalon Özcan auf der Keupstraße explodierte. Dieser Moment, dieses haptische Begreifen, ist Teil der Ausstellung „Von der Nagelbombe bis zum Mahnmal“ – und er macht etwas mit einem.1
Hinter der Ausstellung steckt die Bildungsinitiative „Keupstraße ist überall“ – ein Projekt, das komplett aus dem Ehrenamt heraus entstanden ist und jetzt dafür den „Miteinander-Preis für Demokratie und Vielfalt“ im Rahmen des Kölner Ehrenamtspreises „Köln Engagiert 2026″ bekommt.1
Die Initiative entstand 2013 – also neun Jahre nach dem Anschlag und zwei Jahre nachdem sich der NSU dazu bekannt hatte. Davor standen die Betroffenen und die Gewerbetreibenden auf der Keupstraße sieben lange Jahre selbst unter dem Verdacht der Behörden, für die Tat verantwortlich zu sein. Mitinitiatorin Karmen Frankl erklärt den Ursprung so: „Mit der Initiative wollten wir die Betroffenen unterstützen – beim Umgang mit dem Trauma, aber auch, um sie auf die Verhandlungstage im NSU-Prozess in München vorzubereiten.“1
Schon während des mehr als fünf Jahre dauernden Prozesses organisierte die Initiative Zeitzeugengespräche an Schulen, Universitäten und auf Gedenkveranstaltungen. So entstanden die ersten Ideen für die Ausstellung und einen Begegnungsort – zunächst im alten Rautenstrauch-Joest-Museum am Ubierring, gefördert durch die Amadeu-Antonio-Stiftung.1
Die Ausstellung dokumentiert die Tat chronologisch und ist längst mehr als ein Gedenkort – sie ist ein außerschulischer Lernort. Themen wie die rassistischen Motive des Anschlags, das Versagen der Behörden und die Perspektive der Betroffenen werden greifbar gemacht. Neben den Zimmermannsnägeln ist auch ein Stuhl aus dem Friseursalon Özcan zu sehen sowie eine Nachbildung des demolierten Fahrrads, auf dem die Bombe platziert war.1
Besonders eindrucksvoll findet Kuratorin Frankl die Überwachungskamera-Videos, auf denen die Täter auf dem Weg in die Keupstraße zu sehen sind – aufgenommen direkt vor dem Gebäude, in dem die Ausstellung heute untergebracht ist. An drei Lerntischen können Besucherinnen und Besucher gesellschaftliche Fragen diskutieren, die mit der Tat verknüpft sind und bis heute nichts an Relevanz verloren haben.1
Bis heute haben 2500 Schülerinnen und Schüler, Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie angehende Polizistinnen und Polizisten der Polizeihochschule NRW die Ausstellung besucht. Einer der Betroffenen, der sich in der Initiative engagiert, ist Muhammet Ayazgün. Er sagt: „Viele Schüler wissen nicht, was der NSU ist, was der Nationalsozialismus oder Rechtsextremismus ist. Das, was wir hier erzählen, ist kein Film oder Fantasie, sondern die Realität.“1
Seit März ist der Journalist Hüseyin Topel Vorsitzender der Bildungsinitiative. Sein Fazit nach den ersten Monaten: „Hier entsteht etwas, was es sonst nicht gibt. Das ist basisdemokratische Arbeit und ich sehe es in den Augen der Jugendlichen, dass die Arbeit Früchte trägt.“1
Als die Förderung der Amadeu-Antonio-Stiftung Ende 2025 auslief, sprangen der Kölner Stadtrat, die Sparkassenstiftung Köln-Bonn und Vermieter Jamestown Europe ein. Die Ausstellung in der Schanzenstraße ist damit bis 2029 gesichert.1
Doch die Initiatoren wollen mehr: Die Ausstellung soll nicht statisch bleiben, sondern wachsen – mit noch unveröffentlichtem Material und Interviews mit Betroffenen. Außerdem soll die Beratung für Opfer rassistischer und rechtsextremer Gewalt ausgebaut werden. Dafür braucht es laut Topel zwei bis zweieinhalb feste Stellen – und dafür laufen aktuell Anträge für staatliche Förderungen sowie die Suche nach Stiftungen und privaten Sponsoren.1
Schulklassen, Studierende und Institutionen können die Ausstellung nach vorheriger Anmeldung per Mail besuchen. Für alle anderen Interessierten besteht die Möglichkeit, nach Absprache auch am Wochenende vorbeizukommen. Kontakt und weitere Infos gibt’s unter keupstrasse-ist-ueberall.de oder per Mail an ueberall@keupstrasse-ist-ueberall.de.1
Diese Ausstellung zeigt, wie wichtig es ist, Erinnerung lebendig zu halten – nicht nur für die direkt Betroffenen, sondern für uns alle. Weil Geschichte, die wir nicht kennen, sich wiederholen kann.
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