Gastro-Insolvenzen in NRW steigen weiter: Warum Restaurants zu All-you-can-eat greifen und was Experten vom DEHOGA NRW zur Lage der Branche sagen.
Die Lage in der Gastronomie bleibt angespannt – und sie verschärft sich weiter. Wie Information und Technik Nordrhein-Westfalen als Statistisches Landesamt mitteilt, waren im Gastgewerbe im 1. Quartal 2026 mit 45,2 Insolvenzverfahren je 10.000 Unternehmen fast genauso viele Betriebe von einer Pleite betroffen wie im Wirtschaftsbereich Verkehr und Lagerei, der mit 47,9 Verfahren die höchste Quote aller Branchen verzeichnete. Schon im Gesamtjahr 2025 zählte das Gastgewerbe in NRW laut IT.NRW 701 beantragte Unternehmensinsolvenzen – ein Plus von 27,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, als es noch 548 waren. Damit liegt die Branche im Insolvenz-Ranking direkt hinter Handel und Baugewerbe, aber klar über dem Durchschnitt.
Diese Zahlen bestätigen, was wir in einem früheren Beitrag schon beschrieben haben: Die Mehrwertsteuer-Senkung auf Speisen von 19 auf 7 Prozent sollte der Branche Luft verschaffen. Sie hat offenbar geholfen, eine noch größere Pleitewelle zu verhindern – aber ein Allheilmittel ist sie nicht. Das zeigen die aktuellen Entwicklungen sehr deutlich.
Wie 24rhein.de berichtet, greifen immer mehr Gastro-Betriebe in NRW aus purer Verzweiflung zu einem alten Bekannten: dem All-you-can-eat-Konzept. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hatte laut einer Auswertung festgestellt, dass bundesweit 2025 mehr als 2.900 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz anmelden mussten – so viele wie seit 2011 nicht mehr. Zwischen 2020 und 2025 waren es laut Creditreform sogar mehr als 11.200 Betriebe.
Thorsten Hellwig, Sprecher des DEHOGA NRW, beschreibt die Situation laut 24rhein.de so: Steigende Kosten treffen auf zurückhaltende, preissensible Gäste. Der Vergleich der Insolvenzzahlen von 2024 zu 2025 mit einem Plus von 27,9 Prozent zeige, wie groß der wirtschaftliche Druck tatsächlich sei. Die sieben Prozent Mehrwertsteuer auf Speisen helfen zwar der speiseorientierten Gastronomie, seien laut Hellwig aber eben kein Allheilmittel.
Unternehmensberater Björn Grimm, der auf Hotellerie und Gastronomie spezialisiert ist, spricht laut Frankfurter Rundschau von einem doppelten Druck: Auf der einen Seite seien Personal-, Energie- und Wareneinsatzkosten massiv gestiegen, auf der anderen Seite sei die Nachfrage spürbar zurückhaltender geworden. Rund 42 Prozent der Gäste geben demnach an, bei Restaurantbesuchen zu sparen. Grimm beschreibt dieses Phänomen als Downtrading: Wer früher teuer essen ging, geht heute nur noch gut essen, wer gut essen ging, weicht auf günstigere Angebote aus.
Hinzu kommt der Personalkostendruck. Der Mindestlohn ist zu Jahresbeginn deutlich gestiegen und wird zum 1. Januar 2027 noch einmal auf 14,60 Euro angehoben. Laut Hellwig wirkt sich eine Anhebung im Einstiegsbereich automatisch auf die gesamte Lohnstruktur aus – in einer so personalintensiven Branche eine besondere Herausforderung. Dazu kommen Bürokratie und Fachkräftemangel.
Ob die Rückkehr der All-inclusive-Angebote wirklich ein neuer Trend ist, wird unterschiedlich bewertet. Grimm sieht darin laut Frankfurter Rundschau vor allem eines: Gastronomen seien verzweifelt. Hellwig vom DEHOGA NRW sieht dagegen auch Chancen, weil Gäste bei einem Buffet den Preis vorher kennen und ihr Budget besser planen können. Er warnt aber zugleich, dass Buffets nicht automatisch wirtschaftlicher seien – auch wegen der Gefahr von Lebensmittelverschwendung, da sich die benötigte Menge vorab schwer einschätzen lässt. Mit Zahlen lasse sich der Trend für NRW derzeit ohnehin nicht belegen, so Hellwig, der nicht davon ausgeht, dass All-you-can-eat-Angebote künftig einen echten neuen Trend begründen.
Für die Zukunft sieht Grimm für Gastronomen nur zwei tragfähige Wege: ein zugängliches, preissensibles Angebot oder ein klares, hochwertiges Erlebnis. Ein Mittelweg funktioniere immer seltener. Der DEHOGA NRW blickt trotz allem vorsichtig nach vorn. Man hoffe auf eine Stabilisierung, sehe aber noch keinen Grund für Entwarnung, so Hellwig. Die Mehrwertsteuersenkung schaffe etwas Luft, eine nachhaltige Erholung hänge aber davon ab, ob Kaufkraft und Konsumfreude der Gäste zurückkehren. Gefordert werden weniger Bürokratie, verlässliche Rahmenbedingungen und mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten, außerdem der Erhalt der Minijobs in ihrer jetzigen Form.
Die Insolvenzzahlen von IT.NRW und die Einschätzungen aus der Branche zeigen: Die Gastro-Krise in NRW ist noch nicht ausgestanden. Steuererleichterungen allein reichen nicht aus, um den Druck durch Personalkosten, Energie und sparsame Gäste auszugleichen. Ob Buffet-Konzepte dabei helfen oder nur ein Strohhalm sind, bleibt abzuwarten.
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