Gelsenkirchen führt beim neuen Kita-Sozialindex in NRW: Fast jede zehnte Kita mit höchstem Förderbedarf liegt dort. Alle Fakten und Reaktionen im Überblick.
Kennst du das – man denkt, alle Kitas sind irgendwie gleich aufgestellt? Weit gefehlt. NRW hat jetzt einen neuen Kita-Sozialindex eingeführt, der zeigt, wo Kinder besonders viel Unterstützung brauchen. Und ein Blick auf die Zahlen macht klar: Gelsenkirchen sticht dabei richtig raus.
Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) hat die Daten vorgestellt und direkt klargestellt: Der Index bewertet NICHT die Qualität einer Kita. Stattdessen soll er zeigen, wo besonders viele Kinder Unterstützung brauchen. Forschende der Ruhr-Universität Bochum haben dafür zwei Merkmale ausgewertet: die Kinderarmut im Umfeld einer Kita und den Anteil der Kinder, die zu Hause überwiegend eine andere Sprache als Deutsch sprechen. Je höher der Indexwert auf der Skala von 1 bis 9, desto größer die sozialen Herausforderungen vor Ort.
Insgesamt gibt es in NRW 10.676 Kitas, die mit diesem Index bewertet wurden. Davon liegen laut WDR 822 Einrichtungen in den beiden höchsten Bedarfsstufen 8 und 9. Zählt man Stufe 7 dazu, kommt man sogar auf 1.343 Kitas mit besonders hohem Förderbedarf.
Wie die WAZ berichtet, liegt fast jede zehnte Kita mit dem höchsten Bedarf in Gelsenkirchen. Das zeigt sich auch in der Übersicht des WDR, der eine komplette Datenbank aller NRW-Kitas mit ihrem jeweiligen Indexwert veröffentlicht hat. Kitas mit dem Sozialindex 9 – also der höchsten Stufe – befinden sich demnach häufig in Großstädten, vor allem im Ruhrgebiet. Neben Gelsenkirchen haben auch Essen und Duisburg besonders hohe Anteile an Kitas mit diesem Spitzenwert.
Die Landesregierung will mit den Erkenntnissen gezielt nachsteuern. Ab dem Kitajahr 2027 sollen zunächst bis zu 150 ausgewählte „Chancen-Kitas“ jeweils 60.000 Euro zusätzlich für Sozialarbeit bekommen. Davon soll etwa Personal bezahlt werden, das Eltern bei Behörden- oder Arztbesuchen unterstützt oder dabei hilft, Zuschüsse fürs Mittagessen zu beantragen. Laut Familienministerium sollen dafür neun Millionen Euro pro Kita-Jahr bereitstehen – das Geld kommt aus Mitteln, die bisher für den Ausbau von Familienzentren eingeplant waren.
Ganz zufrieden ist in der Politik aber niemand. Angesichts von über 1.300 Kitas mit hohem Sozialindex reicht der SPD die angekündigte Förderung nicht aus. Nach dem vorgesehenen Verteilschlüssel drohen laut SPD-Fraktion sogar ganze Jugendamtsbezirke leer auszugehen. Auch die FDP kritisiert, dass die neun Millionen Euro kein zusätzliches Geld seien, sondern nur aus bestehenden KiBiz-Mitteln umgeschichtet würden. Die Einführung des Sozialindex an sich begrüßen aber beide Parteien.
Auch Gewerkschaften melden sich zu Wort. Ver.di bezeichnet den Sozialindex als richtigen Schritt hin zu mehr Chancengerechtigkeit, mahnt aber ausreichend Personal an. Die GEW NRW betont, ein Sozialindex allein verbessere noch keine Bildungschancen – entscheidend sei, ob daraus tatsächlich mehr qualifiziertes Personal und bessere Arbeitsbedingungen entstehen. Beide Gewerkschaften warnen zudem davor, dass der Index nicht zu einer Stigmatisierung von Kitas, Familien oder ganzen Stadtteilen führen dürfe.
Der neue Sozialindex liefert erstmals eine konkrete Datengrundlage dafür, wo in NRW am meisten Unterstützung gebraucht wird – und Gelsenkirchen steht dabei klar im Fokus. Ob die angekündigten Fördermaßnahmen wirklich ausreichen, um den Unterstützungsbedarf vor Ort zu decken, bleibt abzuwarten.
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