Job und gleichzeitig Angehörige pflegen – für viele Alltag in NRW. Expertin Sarah Hampel erklärt, wie Unternehmen mit kleinen Stellschrauben große Entlastung…
Morgens zur Arbeit, abends Angehörige pflegen – für rund acht Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland ist das gelebter Alltag. 1 Die meisten halten das Thema aber lieber für sich. Warum? Weil man lieber über die Fortschritte der Kinder spricht als über die Pflegebedürftigkeit eines Elternteils. Oder weil man Angst hat, im Job plötzlich als „nicht flexibel genug“ zu gelten. Dabei wäre genau das offene Gespräch so wichtig. Gerontologin Sarah Hampel, die im Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW tätig ist, erklärt im Interview mit der Frankfurter Rundschau, was Unternehmen – und ihr selbst – tun könnt, um diese Doppelbelastung besser zu meistern. 1
Das Thema ist längst kein Randthema mehr. Allein im Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW haben sich mehr als 700 Betriebe und Organisationen angeschlossen, die bereits angepasste Lösungen für betroffene Mitarbeitende anbieten. 1 Die Motivation dahinter ist dabei oft ganz pragmatisch: Fachkräfte halten und neue gewinnen. Denn wer merkt, dass sein Arbeitgeber das Thema ernst nimmt, kündigt eben seltener.
Besonders spannend: In NRW setzt man auf sogenannte betriebliche Pflege-Guides. Das sind Kolleginnen und Kollegen, die nach einer zweieinhalbtägigen Qualifikation zu innerbetrieblichen Lotsen werden – eine erste Anlaufstelle, wenn jemand zu Hause eine Pflegesituation hat. Sie helfen dabei, gemeinsam mit der Betriebsleitung Lösungen zu finden, vermitteln Unterstützungsangebote und sensibilisieren das gesamte Team für das Thema. 1
Was wünschen sich pflegende Angehörige am meisten von ihrem Arbeitgeber? Laut Hampel ist es oft gar nicht so viel: 1
„Manchmal reicht schon eine kleine Stellschraube der Flexibilität oder das Wissen, dass der Arbeitgeber diesem Thema gegenüber offen ist“, sagt Hampel. Das allein nehme schon enorm viel Druck. 1
Eine wichtige Rolle spielen dabei Führungskräfte – also Abteilungs- oder Schichtleiter. Sie führen die Fäden im Team zusammen, koordinieren vereinbarte Lösungen und sind laut Hampel eine Schlüsselrolle beim Aufbau einer vereinbarkeitsfreundlichen Struktur. 1 Kurz gesagt: Wenn die Chefebene das Thema ernst nimmt, trauen sich auch Beschäftigte eher, offen darüber zu reden.
Und das ist bitter nötig. Denn noch immer schweigen viele aus Angst vor Nachteilen – etwa, nicht mehr als flexibel genug für eine Beförderung zu gelten. Dabei bringen Menschen, die Beruf und Pflege vereinbaren, enorme Organisations- und Balanceleistungen mit – Kompetenzen, die auch für Unternehmen wertvoll sind. 1
Klar ist: Der Großteil der Pflegearbeit liegt noch immer bei Frauen. Im Rahmen des Landesprogramms Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW wurde untersucht, dass 62 Prozent der Berufstätigen, die Beruf und Pflege verbinden, Frauen sind. 1 Aber das bedeutet eben auch: 38 Prozent sind Männer. Das Thema betrifft alle – unabhängig vom Geschlecht, unabhängig vom Alter. Denn Pflegesituationen können Menschen über den gesamten Erwerbsverlauf hinweg treffen.
Ob du selbst betroffen bist oder in einem Unternehmen arbeitest: Das Wichtigste ist, das Gespräch zu suchen. Vereinbarkeit ist immer ein Aushandlungsprozess – zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wenn nur eine Seite aktiv wird, funktioniert es nicht. 1 Also: trau dich, das Thema anzusprechen. Manchmal reicht wirklich eine kleine Stellschraube, um alles ein bisschen leichter zu machen.
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