Der Rhein erreicht historische Tiefstände – doch die Debatte greift zu kurz. Was das Niedrigwasser für NRW, Trinkwasser und Ökosystem bedeutet, liest du hier.
Der Rhein zieht sich zurück. Historische Tiefstände in Köln, Badeverbote, Fischsterben – und trotzdem dreht sich die Debatte mal wieder fast ausschließlich um Lieferketten und Warenströme. Dabei ist das Niedrigwasser des Rheins längst kein reines Verkehrsproblem mehr, sondern Teil einer viel größeren Wasserkrise. Und die wird uns noch lange beschäftigen.1
Bundesverkehrsminister Steffen Bilger hatte zum Krisengipfel nach Bonn geladen – die üblichen Verdächtigen saßen am Tisch: Vertreter von Industrie und Binnenschifffahrt, Verkehrsexperten. Die Lösungsansätze? Vertiefung des Flussbetts, neue Schiffstypen, die auch bei wenig Wasser noch fahren können. Alles bekannt, alles schon mal diskutiert.1
Doch ausgerechnet der Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt wagte es, die eigentliche Grundsatzfrage zu stellen: Wie lässt sich verhindern, dass dem Rhein zwischen der letzten Schleuse in Iffezheim und der Nordsee das Wasser wegläuft, wenn es über Wochen oder Monate nicht regnet? Seine Kritik: Dieses Thema sei im Aktionsplan Niedrigwasser Rhein zwar angelegt, finde aber kaum Beachtung.1
Massenhaftes Fischsterben, steigende Wassertemperaturen, sinkender Sauerstoffgehalt, ausgetrocknete Auen – das sind die Bilder, die der sinkende Rheinpegel hinterlässt. Und die haben nichts mit Frachtkosten oder Lieferzeiten zu tun. Das Niedrigwasser ist, wie der Kölner Stadt-Anzeiger analysiert, nur ein Teil einer Wasserkrise, die sich durch den Klimawandel weiter verschärfen wird.1
Die offenen Fragen sind dabei riesig: Welche Folgen hat eine höhere Schadstoffkonzentration für die Trinkwassergewinnung aus dem Rheinuferfiltrat – also dem Wasser, das in Köln aus dem Hahn fließt? Was passiert, wenn die Grundwasserspiegel weiter sinken und die Nebenflüsse des Rheins austrocknen? Wie halten wir mehr Wasser in der Landschaft? Und sind neue Staustufen im Rhein wirklich die Antwort?1
Noch eine Baustelle, die in der aktuellen Debatte kaum Platz findet: die geplante Flutung der Tagebaue Hambach und Garzweiler. Bis zu 60 Jahre könnte es dauern, bis die riesigen Löcher zu den größten künstlichen Binnenseen Europas werden. Der Tagebausee Hambach soll ein Volumen von 4,3 Milliarden Kubikmeter Wasser schlucken, Garzweiler noch einmal rund zwei Milliarden Kubikmeter. Die gigantischen Rohrleitungen dafür werden gerade von Dormagen über 45 Kilometer gebaut.1
Die Genehmigungen für diese Flutung stammen aus den Jahren 1977 und 1995 – einer Zeit, in der der Klimawandel für die breite Gesellschaft kaum ein Thema war. Angesichts des Rinnsals, das derzeit durch Köln fließt, kommen da berechtigte Zweifel auf, ob diese alten Pläne noch zeitgemäß sind.1
Die Botschaft ist klar: Ein Bundesverkehrsminister kann nicht allein für die Lösung verantwortlich sein. Es braucht einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz, der das komplette Ökosystem Rhein in den Blick nimmt – nicht nur die Wirtschaftlichkeit der Wasserstraße. Am Kabinettstisch sitzen Menschen, die sich mit Klimafolgen, Ökologie und Wasserversorgung auskennen. Es ist höchste Zeit, dass sie auch am Tisch der Rhein-Debatte Platz nehmen.1
Was bleibt, ist die Frage: Wie viele Niedrigwasserkrisen braucht es noch, bis wirklich umgedacht wird? Für NRW und den Rhein gilt: Das Thema Wasser geht uns alle an – nicht nur, wenn die Frachter auf dem Trockenen sitzen.
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