Foto wurde mit
KI generiert
Aggression im Straßenverkehr: Schuld sind immer die anderen – aber stimmt das wirklich?
17. August 2026

Das Verkehrsklima in NRW wird aggressiver – das zeigt eine aktuelle UDV-Studie. Was dahintersteckt und was du selbst dagegen tun kannst, erfährst du hier.

Das Klima auf den Straßen wird rauer

Kennt ihr das? Jemand drängelt euch im Stau, schneidet euch beim Einscheren oder hupt euch an, obwohl ihr doch eindeutig im Recht seid. Genau dieses Gefühl haben in NRW und ganz Deutschland immer mehr Menschen – und das ist kein Zufall. Laut einer aktuellen Befragungsstudie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) wird das Verkehrsklima auf deutschen Straßen tatsächlich immer aggressiver. Ein Trend, den die Forschenden seit über zehn Jahren beobachten.1

Drängeln, überholen, Vorfahrt erzwingen – die harten Zahlen

Die Ergebnisse der UDV-Befragung – an der mehr als 2.000 Personen teilnahmen – sind ziemlich eindeutig: Fast die Hälfte aller Autofahrenden drängelt, wenn ihnen jemand zu langsam fährt. Fast ein Drittel schert nach dem Überholen so dicht ein, dass andere bremsen müssen.1

Aber auch Radfahrende sind nicht aus dem Schneider: 43 Prozent erzwingen hin und wieder die Vorfahrt, und fast jeder Zweite überholt Autos links oder schlängelt sich durch den Verkehr. Das Bild auf unseren Straßen ist also auf allen Seiten ziemlich bunt – und nicht immer im positiven Sinne.1

Selbstbild vs. Fremdbild – der blinde Fleck aller Verkehrsteilnehmer

Jetzt wird’s interessant: Laut UDV-Leiterin Kirstin Zeidler sehen die meisten die Probleme bei anderen – nicht bei sich selbst. Konkret: 92 Prozent aller Autofahrenden geben an, Radfahrende besonders rücksichtsvoll zu überholen. Gleichzeitig beobachten fast genauso viele, dass andere Autofahrende zu eng überholen. Wie ist das bitte möglich?1

Ähnliches Bild bei Radfahrenden: 48 Prozent geben zu, Autos auch mal links zu überholen – aber 83 Prozent beobachten dieses Verhalten bei anderen Radfahrenden. Verkehrspsychologe Wolfgang Fastenmeier bringt es auf den Punkt: „Man sieht alles durch seine egoistische Brille.“1

Und was ist mit Fußgängern?

In der UDV-Studie tauchen Fußgänger gar nicht auf – dabei sind sie laut Roland Stimpel, Vorstand des Fachverbands Fußverkehr Deutschland, mit Abstand die größte Gruppe im Straßenverkehr. Gerade in Großstädten ist Gehen die verbreitetste Fortbewegungsart.1

Stimpel erklärt, dass auch Fußgänger aggressiv werden können – die sogenannten „Wutgänger“. Gleichzeitig werde Fußgängern aber auch viel Aggression entgegengebracht, teils sogar unbewusst. Gehwege, Fußgängerzonen und Parks seien eigentlich Schutzräume – würden aber häufig nicht respektiert. „Gerade Parks sollten ein Kontrastort zur Stadt sein“, so Stimpel. „Hier sollte man abschalten und unkonzentriert sein dürfen.“1

Warum werden wir so aggressiv?

Verkehrspsychologe Fastenmeier erklärt das Ganze mit der sogenannten „Frustrations-Aggressions-Spirale“: Alle wollen möglichst schnell von A nach B kommen. Sobald das durch Baustellen oder andere Verkehrsteilnehmer gestört wird, entsteht Frust – und der mündet schnell in aggressivem Verhalten.1

Mobilitätsforscher Andreas Knie ergänzt, dass sich die Verhältnisse auf der Straße grundlegend verändert haben: Jahrzehntelang gehörte die Straße dem Auto. In den letzten 20 bis 25 Jahren wurde der Raum dann quasi unter der Hand neu verteilt – mit mehr Fahrradfahrern und neuen Mobilitätsformen wie E-Scootern. Das sorge für deutlich mehr Konflikte.1

Was kann man dagegen tun?

Die gute Nachricht: Es gibt Ansätze, die wirklich helfen können.

  • Perspektivwechsel: DVR-Präsident Manfred Wirsch betont, dass wer sich in die Lage anderer Verkehrsteilnehmer versetzt, automatisch vorausschauender fährt. Fastenmeier fordert, das bereits in der Verkehrserziehung zu verankern.1
  • Bessere Infrastruktur: Fastenmeier sieht hier die wichtigste Stellschraube. Nutzerfreundliche Gestaltung und bessere Baustellenkoordination könnten Frustration – und damit Aggression – deutlich reduzieren. Knie fordert zudem eine neue Raumverteilung: 75 Prozent des Straßenraums diene dem Autoverkehr, obwohl dieser nur noch 35 Prozent der Verkehrsleistung ausmache.1
  • Spürbare Sanktionen: Wer Regeln bewusst missachtet, müsse das wirklich spüren, so Wirsch. Stimpel verweist auf ein konkretes Beispiel: Ein Radfahrer, der in Deutschland einen Gehweg befährt, zahlt 25 Euro Bußgeld – in Frankreich dagegen 135 Euro. „Daher kann man in Paris auf den Boulevards auch gut flanieren.“1

Der einfachste Tipp: Tief durchatmen

Manchmal ist die beste Lösung auch die simpelste: „Aggressionen schaukeln sich im Straßenverkehr schnell hoch“, sagt Wirsch. Also lieber tief durchatmen, Abstand halten und den anderen ziehen lassen. Und Stimpel hat noch einen schönen Gedanken: Wer anhält und einem Fußgänger signalisiert, sich Zeit zu lassen, beschert nicht nur dem anderen einen netten Moment – „der eigene Tag wird auf diese Weise auch besser.“1

Also, NRW: Das nächste Mal, wenn euch jemand auf der Straße nervt – vielleicht kurz daran denken, dass ihr in dessen Augen gerade vielleicht auch die anderen seid. 😉

Quellen

  1. Tagesschau/WDR: Aggression auf der Straße – Schuld sind immer die anderen (17.08.2026)


Diskutiere mit!
Anonym und ganz ohne Anmeldezwang!
Alle Kommentare werden von unserer Redaktion im Vorfeld geprüft.
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

© 2026 The Radio Group Holding GmbH

Newsletter

Wir informieren dich regelmäßig über aktuelle Nachrichten, Staus und wichtigen Themen - ohne Dich zu nerven! 

Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Deine Anmeldung war erfolgreich.