Niedrigwasser am Rhein: Helfen Staustufen wirklich oder sind Renaturierung und andere Maßnahmen die bessere Lösung? Wir haben die Fakten für euch.
Die Pegeluhr am Düsseldorfer Rheinufer hat gerade erst den Negativ-Bereich verlassen – dank etwas Regen in den vergangenen Wochen. Aufatmen? Nur kurz. Denn die große Frage bleibt: Was passiert, wenn es wieder wochenlang nicht regnet? Für Marcus Todoric, Direktor des Schifffahrtsmuseums im Düsseldorfer Schlossturm, ist der Rhein mehr als ein Fluss – er ist die Lebensader seiner Stadt. „Wenn man das austrocknen sieht, ist das natürlich nicht so schön“, sagt er. Und er ist damit nicht allein.1
Während die Fähren langsam wieder anlaufen, steckt die Binnenschifffahrt weiter in der Klemme. Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB), brachte das Thema Staustufen Anfang August bei einer Niedrigwasser-Konferenz in Bonn mit Bundesverkehrsminister Steffen Bilger aufs Tablett: Mehr Staustufen entlang des Rheins könnten helfen, die Wassertiefe für die Schifffahrt zu sichern.1
Die Idee dahinter: Hohe Wehre stauen das Wasser auf und regeln, wie viel weiterfließt. Schleusen fungieren dabei wie Aufzüge für Schiffe – sie überbrücken den Höhenunterschied zwischen gestautem und freifließendem Wasser. Aktuell gibt es zwölf Staustufen am Hoch- und Oberrhein – von der Schweiz bis nach Nordbaden. Unterhalb von Iffezheim in Baden-Württemberg aber hat der Rhein freien Lauf bis zur Nordsee. Genau das ist das Problem, sagt Schwanen – und genau da müsse man ansetzen.1
Oliver Krischer, NRW-Verkehrsminister, sieht das ganz anders. Für ihn sind neue Staustufen keine realistische Option: „Um den Rhein bei Niedrigwasser spürbar zu stützen, also den Pegel merklich anzuheben, wären Rückhaltemöglichkeiten in einer Dimension erforderlich, die absolut nicht realisierbar ist.“ Selbst bei Niedrigwasser fließen laut Krischer noch über 600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch den Rhein.1
Ein riesiger Stausee in Süddeutschland oder in den Alpen wäre nötig – mit Hunderten Millionen Kubikmetern Fassungsvermögen. Technisch zu aufwendig, finanziell kaum stemmbar und ökologisch ein Desaster, so sein Urteil. Dazu kommt: Staustufen könnten die Fließdynamik des Rheins so verändern, dass er sich eingraben, der Umgebung das Grundwasser entziehen und sich sogar Sedimente aufstauen – was die Schifffahrt an manchen Stellen noch problematischer machen würde.1
Umweltschützer vom BUND und Experten hydrologischer Institute teilen Krischers Skepsis.1
Eine WDR-Datenanalyse macht deutlich, dass es im vergangenen Jahrzehnt insgesamt mehr Niedrigwassertage gab. Oder und Elbe waren an rund 120 Tagen betroffen – der Rhein „nur“ an etwa 40. Noch profitiert er von seinen vielen Zuflüssen und dem schmelzenden Gletschereis. Aber auch das wird künftig weniger.1
Klimaforscher Mojib Latif plädiert gegenüber dem WDR für einen komplett anderen Ansatz: Renaturierung statt Staustufen. Flüsse müssten wieder mehr Raum bekommen, Auen zurückgewonnen werden – damit Regenwasser nicht einfach in die Flüsse schießt und ins Meer verschwindet, sondern in der Region bleibt. „So dass es wieder Auen gibt und solche Geschichten“, erklärt Latif. Der Rhein würde sich auf natürliche Weise wieder ausbreiten – und so das Wasser auf lange Sicht besser halten.1
Die Niedrigwasser-Debatte rund um den Rhein ist komplex – und sie betrifft uns hier in NRW direkt. Ob Staustufen, tiefere Fahrrinnen, flachere Schiffe oder Renaturierung: Jede Lösung hat ihren Preis. Klar ist, dass schnelle Fixes kaum möglich sind. Was jetzt zählt, sind ehrliche Debatten, mutige Entscheidungen – und der Blick auf das große Bild. Antenne NRW hält euch auf dem Laufenden, wie sich die Lage am Rhein entwickelt.
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