Autorin Seyda Kurt nimmt uns mit auf eine Tour durch Köln-Kalk und zeigt, warum ihr Veedel für sie der sicherste Ort der Welt ist.
Köln-Kalk ist nicht irgendein Stadtteil – es ist ein Ort voller Geschichte, Widersprüche und gelebter Gemeinschaft. Genau das hat Seyda Kurt, 34-jährige Autorin und echte Kalkerin, in ihrem Debüt-Roman „Zeit der Monster“ verewigt. Wir haben sie durch ihr Veedel begleitet – und dabei erfahren, warum sie niemals woandershin ziehen würde.1
Startpunkt unserer Tour ist die Kalker Post – oder besser gesagt: das, was davon übrig ist. Die Postfiliale hat zum 30. Juni 2026 geschlossen, und Seyda Kurt schaut gespannt, was mit dem Gebäude passiert. Im Roman nennt sie den Ort übrigens „Alte Post“ – ziemlich visionär, wie sie selbst schmunzelnd zugibt.1
Nur ein paar Meter weiter liegt der Nachbarschaftstreff Toni an der Antoniastraße 1. Montags ab 16 Uhr ist hier Offene Tür – für Einsame, Migranten, Alteingesessene, kurz: für alle aus dem Viertel. Seyda Kurt kennt hier jeden. Das Toni ist gleichzeitig Ausgangs- und Endpunkt unserer Runde – und das passt perfekt, denn genau dieses Miteinander ist es, was Kalk für Kurt so besonders macht.1
Seyda Kurt beschreibt ihr Viertel als „flirrendes Wimmelbild – voller Menschen und Farben, und darunter liegen Risse und Wunden.“ Bei der Recherche zu ihrem Buch fühlte sie sich wie eine Archäologin: Schicht für Schicht legte sie die Geschichte Kalks frei – von der ersten Erwähnung als „Sumpf“ im Jahr 1003 über den Streik der Chemiearbeiter 1917 bis zur Schließung des Chemiewerks 1994.1
An der Sieversstraße 20 wird es persönlich: Hier ist Seyda Kurt groß geworden, bis sie elf Jahre alt war. Genau diese Adresse ist auch Schauplatz ihrer fiktiven Romanfamilie. Gegenüber lag damals eine Brache – die eine eigenartige Sogwirkung auf das Mädchen Seyda hatte. Anziehend und abstoßend zugleich.1
Weiter geht’s an den Hallen Kalk vorbei – Ruinen des alten Arbeiterviertels, die die Deindustrialisierung so greifbar machen wie kaum woanders in Köln. Kurts Großvater kam in den 60er-Jahren nach Köln und arbeitete bei Ford, die Großmutter in einer Wurstfabrik. Ihre Geschichte ist die Geschichte des Viertels.1
An der Kalker Hauptstraße 215, vor der Löwenzahn-Apotheke, macht Kurt auf zwei unscheinbare Plaketten aufmerksam: Sie erinnern an Karl Küpper, den einzigen Karnevalisten, der es wagte, die Nazis durch den Kakao zu ziehen. „Warum kein Denkmal?“, fragt Kurt – und man fragt sich das direkt mit ihr.1
Ein kurzer Stopp im Kalker Stadtgarten – einer der wenigen Grünanlagen im Viertel. Für Kurt ist das ein echtes Problem: „Kalk hat kaum Grünflächen, das wirkt sich auch auf die Gesundheit der Menschen aus.“ Kameraüberwachung auf der Kalker Hauptstraße hält sie für keine Lösung: „Die hilft niemandem, hier tatsächliche Sicherheit zu schaffen.“1
Was wirklich hilft? Das Füreinander-Dasein. Seyda Kurt und ein Freund drehen regelmäßig ihre sogenannten „Bürgermeisterrunden“ – sie streifen durchs Viertel, schauen, ob alles in Ordnung ist, fragen nach den Leuten. Im Roman übernimmt das die Karl-Küpper-Brigade. Und sie ist klar: „Für mich gibt es keinen Ort der Welt, an dem ich mich so sicher fühle wie in Kalk. Ich könnte jederzeit in jeden beliebigen Döner-Laden gehen und sagen: Leute, helft mir.“1
Beim Kalker Buchladen an der Kalker Hauptstraße 170 liegt „Zeit der Monster“ stolz im Schaufenster. Die Buchvorstellung fand in der Kirche St. Marien statt – dort, wo vor über 1000 Jahren das Viertel als Sumpf seinen Anfang nahm. „Es war die erste große Kulturveranstaltung, der die Kirchengemeinde zugestimmt hat. Das hat mich stolz gemacht“, sagt Kurt.1
Zum Abschluss noch ein Stopp im Saana an der Kalker Hauptstraße 105 – kurdisch-irakisches Restaurant mit dem besten Adana Kebab des Viertels, laut Kurt. Zurück im Toni trifft sie Malika aus Damaskus, die täglich Gedichte schreibt. Zwei Frauen, zwei Geschichten, ein Veedel. Herrlich hier – da sind sich beide einig.1
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