Das Gahlener Küsterhaus von 1928 soll Baudenkmal werden – doch das kostet über 900.000 Euro und geht auf Kosten der Feuerwehr. Wie geht es weiter in Schermbeck?
Stell dir vor, ein einziger Brief verändert die Zukunft eines fast 100 Jahre alten Hauses – und löst dabei eine heiße Debatte in der ganzen Gemeinde aus. Genau das ist in Schermbeck passiert. Eine Kunsthistorikerin entdeckte bei einem Besuch in Gahlen das ehemalige Küsterwohnhaus am Widemweg 17, schrieb an die Gemeinde – und seitdem beschäftigt das Thema die Kommunalpolitik.1
Die Gemeinde Schermbeck ist in der Sache doppelt gefordert: Sie ist Eigentümerin des Grundstücks und gleichzeitig Untere Denkmalschutzbehörde. Nach Einsicht in die Bauakte bat sie das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland um ein Gutachten – mit einem klaren Ergebnis.1
Das Gutachten fiel eindeutig aus: Das Haus von 1928 sei ein ungewöhnlich gut erhaltenes Beispiel eines ländlichen Küsterhauses der 1920er Jahre – mit mehr originaler Bausubstanz, als der Gutachter selbst je gesehen habe. Damit gelte es als Baudenkmal.1
Besonders begeisterten die Baudetails: die Backsteinfassade mit Blockverband, hervorgehobenen Fugen und Rustizierungen an den Ecken, die an den Backstein-Expressionismus erinnern. Entworfen hat das Haus laut LVR Heinrich Baumann, einer der wichtigsten Architekten seiner Zeit in der Region. Dazu kommt der historische Zusammenhang mit dem kirchlichen Ensemble rund um den Mühlenteich.1
Und dann ist da noch ein besonderer Detail-Fund: Das Haus hatte eines der ersten Wasserklosetts in Gahlen – für die damalige Zeit eine echte Sensation. Der Leerstand machte zudem weitere Originaldetails sichtbar: Holzböden, Putz in Bauhausfarben, originale Beschläge an Fenstern und Türen.1
Laura Nübel, ehrenamtliche Denkmalbeauftragte der Gemeinde, warb vor dem Ausschuss leidenschaftlich für den Erhalt des Hauses: „Der Experte vom LVR hatte wirklich Tränen in den Augen.“ Für sie ist klar: „Das Haus ist nicht nur wichtig für Gahlen, sondern tatsächlich auch für die Architekturgeschichte und das Aufzeigen dieser in der gesamten Region.“1
Auf der anderen Seite steht die Freiwillige Feuerwehr Schermbeck – und die ist alles andere als begeistert. Beim Bau des Feuerwehrhauses in Gahlen 2018 hatte Bürgermeister Mike Rexforth zugesagt, das Haus werde nach dem Versterben der damaligen Bewohnerin zugunsten der Feuerwehr abgerissen. Geplant waren Parkplätze und ein Übungshof.1
„Die ganze Planung des Standortes ist mit der Hoffnung erfolgt, dass man dann die Fläche von dem Küsterhaus dazubekommen würde“, sagt Feuerwehrleiter Christoph Loick. Eigene Übungsflächen hat die Schermbecker Feuerwehr an keinem Standort. Einsatzbereit bleibe die Wehr zwar auch ohne den zusätzlichen Platz – aber die Diskussion sorge unter den Gahlener Kräften für Unmut.1
Ein Schadensgutachten im Auftrag der Gemeinde beziffert die Sanierung auf rund 905.000 Euro. Fördermöglichkeiten zur Gegenfinanzierung sollen geprüft werden. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Stefan Steinkühler, äußerte im Ausschuss ein „komisches Gefühl“ – die Sanierungskosten seien seiner Meinung nach zu niedrig angesetzt.1
Bürgermeister Mike Rexforth bestätigte die Aussage von 2018, betonte aber: Seit dem Tod der langjährigen Mieterin habe sich die Lage grundlegend verändert und neue rechtliche Erkenntnisse seien hinzugekommen. „Das ist kein Bruch eines Versprechens, sondern verantwortungsvolles Handeln im Rahmen von Recht und Gesetz.“1
Der vorläufige Bestandsschutz für das Küsterhaus läuft noch bis zum 17. September. Der Ausschuss verschob den Tagesordnungspunkt ohne Beschluss auf eine künftige Sitzung – die Entscheidung steht also noch aus. Denkmal oder Bauruine? Schermbeck muss sich entscheiden. Wir bleiben dran!1
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