Köln steckt in der Krise: Explodierende Baukosten, überlastete Verwaltung – Prof. Dr. Werner Görgs Reformvorschlag fordert mehr Tempo und Klarheit in der…
Die Idee klingt radikal: Köln führen wie ein Unternehmen, der Oberbürgermeister als eine Art Vorstandschef, der Stadtrat als Aufsichtsrat. Wie wir in einem früheren Beitrag bereits berichtet haben, stammt dieser Vorschlag von Prof. Dr. Werner Görg – und jetzt flammt die Diskussion neu auf. Denn die Probleme, die seinen Plan ausgelöst haben, sind nicht kleiner geworden. Im Gegenteil.1
Görg ist kein Theoretiker ohne Praxiserfahrung. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Barmenia Gothaer Versicherung kontrolliert er einen der großen Versicherungskonzerne, für den allein in Köln rund 5.000 Menschen arbeiten. Als früherer Präsident der IHK zu Köln kennt er außerdem Politik und öffentliches Geschehen von innen. Sein Befund ist klar: Immer wieder versickern Initiativen im Kompetenz- und Abstimmungsgeflecht von Politik und Verwaltung – und Baukosten explodieren, wie zuletzt beim Museum „Miqua“.1
Dass Köln längst eine Art Konzern ist, zeigen die nackten Zahlen: knapp 22.000 Beschäftigte, ein Etat von 6,7 Milliarden Euro allein für 2026. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – hakt es überall. Der Krankenstand liegt bei über neun Prozent und damit deutlich über dem in physisch fordernden Berufen wie der Stahlproduktion. Das ist ein Warnsignal.1
Görgs Therapie: Weniger Ratsmitglieder, dafür mit mehr Zeit und höheren Entschädigungen, sollen sich wie ein echter Aufsichtsrat um Strategie und Kontrolle kümmern. Den OB mit seinen Dezernenten sieht er als operativen Vorstand, der die Ziele dann auch tatsächlich umsetzt – ohne täglichen „Guerilla-Kampf“, wie Görg es nennt. Sein Vorschlag geht sogar noch weiter: Städte ab 250.000 Einwohnern sollten selbst wählen dürfen, nach welchem Modell sie regiert werden – gerne schon bei der nächsten Kommunalwahl.1
Das Leitbild von der Verwaltung als Dienstleistungsunternehmen ist nicht neu. Schon in den Neunzigern predigten kommunale Vordenker genau das. Um die Jahrtausendwende zog SPD-Ministerpräsident Wolfgang Clement mit seiner Staatskanzlei demonstrativ ins Düsseldorfer Bürogebäude Stadttor – als Symbol für einen neuen Führungsstil. 15 Jahre später hatte dieselbe SPD den Grund für den Umzug schlicht vergessen.1
Heute aber ist die Dringlichkeit eine andere. Marode Brücken in Leverkusen, Köln und Bonn lähmen den Alltag. Die Bonner Straße – eine der wichtigsten Kölner Hauptausfallstraßen – ist seit mehr als zehn Jahren ein Patchwork aus Asphaltflicken und Baustellen-Baken. Die letzte, nur 2,1 Kilometer lange Teilstrecke der Nord-Süd-Stadtbahn soll aktuell 160 Millionen Euro kosten. 2029 soll sie fertig sein.1
Natürlich gibt es berechtigte Einwände: Eine Stadt ist keine Aktiengesellschaft, ihre Bürgerinnen und Bürger sind keine Aktionäre, und demokratische Kontrolle darf kein Kostenfaktor sein. Das haben Ratsfraktionen sinngemäß angemerkt – und sie haben damit nicht völlig unrecht.2
Aber wer Reformen zu lange vertagt, bekommt am Ende nicht die klügere, sondern die lautere Lösung. Und der tägliche Stillstand beschädigt die Demokratie mindestens genauso – nur eben leiser und schleichender. Kölns OB Torsten Burmester soll Görgs Vortrag übrigens mit Applaus quittiert haben. Applaus ist noch kein Ratsbeschluss. Aber er wäre ein Anfang.1
Genau da liegt das Problem: Nach der ersten Schlagzeile zog die Karawane weiter. Die Debatte versandete, bevor sie richtig begonnen hatte. Das darf nicht nochmal passieren. Die Frage, warum eine Millionenstadt nicht mit der Klarheit geführt werden darf, die man jedem mittleren Unternehmen abverlangt, verdient eine echte, öffentliche Antwort. Und zwar bald.1
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