Schriftsteller Navid Kermani spricht über sein Köln-Gefühl, den Kulturverfall und warum er lieber unter Gutmenschen als unter Zynikern lebt.
Wer Köln wirklich liebt, kritisiert es auch – und zwar laut. Genau das macht Navid Kermani in seinem neuen Buch „Köln. E Jeföhl“, das soeben im Verlag C.H. Beck erschienen ist. Der Schriftsteller, Reporter und Orientalist lebt seit Jahrzehnten in Köln und hat in dieser Anthologie ausgewählte Texte über seine Wahlheimat versammelt. Im Interview mit der Kölnischen Rundschau spricht er offen darüber, was ihn an Köln begeistert, was ihn enttäuscht – und warum er dennoch nirgendwo anders leben möchte.1
Aufgewachsen in Siegen, zog es Kermani schon früh in die Großstadt. Den Ausschlag gab ausgerechnet eine Klassenfahrt: Ein Blick auf den Kölner Dom – kombiniert mit der Aussicht, samstags zu FC-Heimspielen gehen zu können – reichte, um den Entschluss zu fassen: Hier will ich leben. Und so kam es auch.1
Den Dom selbst beschreibt Kermani mit einer charmanten Ambivalenz. Ja, er ist beeindruckend. Ja, sein Anblick nach einer Reise am Hauptbahnhof löst nach wie vor dieses typische Köln-Gefühl aus. Aber: „Andere Kirchen in Köln berühren mich mehr“, sagt er – die romanischen nämlich, wenn er in die Versenkung kommen möchte. Und dass der Dom seit der Einführung von Eintrittstickets „so museal geworden“ sei, tut ihm spürbar weh. Immerhin hat er inzwischen einen Aufnahmeantrag für den Zentral-Dombau-Verein gestellt.1
Kermani scheut keine Kritik – und die hat es in sich. Das Desaster mit den Bühnen, der Archiveinsturz: Solche Katastrophen passierten laut Kermani nicht einfach so. „Da sind über Jahre Dinge schief gelaufen – schlechtes Management, schlechte Verwaltung, Fahrlässigkeit, wenig Obacht.“ Er nennt sie schlicht „kölschgemachte Katastrophen“.1
Auch die viel diskutierte Verwahrlosung der Stadt lässt er nicht bei der Stadtverwaltung allein: „Die Lieblosigkeit mag bei der Kölner Stadtverwaltung enden. Aber sie beginnt bei jedem Einzelnen.“ Ein Satz, der sitzt.1
Besonders schmerzt Kermani der kulturelle Abstieg seiner Stadt. In den Achtzigerjahren zogen Menschen wegen der Kultur nach Köln – wegen der Neuen Musik, dem Jazz, der Popkomm, der Artcologne als wichtigster Kunstmesse Europas, der Clubszene und der Galerien. Heute? „Das heute zu sagen, wäre … absurd.“ Geblieben sind die Museen wie das Museum Ludwig und das Wallraff-Richartz-Museum sowie ein begeisterungsfähiges Publikum. Aber der Anspruch lässt nach – und die nächsten Kulturkürzungen, so befürchtet Kermani, werden die Erwartungen noch übertreffen.1
Was bleibt dann noch? Ganz viel, findet Kermani – und das ist ernst gemeint. Köln hat etwas, das viele andere Städte nicht haben: die Fähigkeit, Menschen für eine gute Sache zu mobilisieren. Er erinnert sich ans erste „Arsch huh“-Konzert mit 100.000 Menschen für Toleranz. Und an das Festival „Birlikte“ in Mülheim als Reaktion auf die NSU-Morde, das einen brachliegenden Ort zum Leben erweckte und echtes Gemeinschaftsgefühl stiftete.1
Wer diese Energie der Kölnerinnen und Kölner als naives Gutmenschentum abtut, bekommt von Kermani eine klare Ansage: „Ich lebe lieber unter Gutmenschen als unter Zynikern.“ Punkt.1
Abends im Sommer, wenn die untergehende Sonne den Rhein, den Dom und Groß St. Martin in ein sattes Rot taucht – dann ist Köln laut Kermani „für eine halbe Stunde die schönste Stadt der Welt“. Eine Liebe mit Zeitschaltuhr? Vielleicht. Aber eine echte.1
Sein Buch „Köln. E Jeföhl“ stellt Kermani am 15. Oktober im Rahmen der lit.Cologne Spezial vor. Gesprächspartner des von Musik begleiteten Abends ist Henning Krautmacher, der ehemalige Frontmann der Höhner. Die Moderation übernimmt die Kölner Autorin, Produzentin und ehemalige Fußballerin Shary Reeves. Karten gibt es unter www.litcologne.de.1
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