Ein Tierheim verfüttert überfahrene Rehe an Hunde – Jäger loben das Pilotprojekt, Tierschützer warnen vor Risiken. Wie die Lage in NRW aussieht, liest du hier.
Was passiert eigentlich mit Rehen, die bei einem Verkehrsunfall sterben? In Reutlingen hat man dafür eine Lösung gefunden, die bundesweit für Gesprächsstoff sorgt: Das Tierheim verfüttert verunfalltes Wild künftig an seine Hunde. Möglich macht das eine Kooperation mit der örtlichen Kreisjägervereinigung. Wie der stern berichtet, gilt diese Form der Zusammenarbeit nach Einschätzung des Deutschen Jagdverbands, des Landesjagdverbands Baden-Württemberg, des Landestierschutzverbands und des Deutschen Tierschutzbunds als bundesweit einmalig.
Der Landesjagdverband Baden-Württemberg ist von der Idee überzeugt. Die Kooperation zwischen dem Tierheim Reutlingen und der Kreisjägervereinigung habe aus seiner Sicht Vorbildcharakter, heißt es laut stern. Durch das Engagement vor Ort sei eine praxistaugliche Lösung entstanden, um verunfallte Rehe, die sonst entsorgt werden müssten, sinnvoll zu verwerten – und das spart dem Tierheim nebenbei auch noch Kosten.
Ganz so euphorisch sehen das Tierschutzorganisationen nicht. Der Deutsche Tierschutzbund stellt laut stern klar, dass er darin kein Vorbildmodell sieht. Der Grund: Die Tierkörper müssen vor der Verwertung ordnungsgemäß zerlegt und das Fleisch gekocht werden, sonst drohen erhebliche hygienische Risiken. Außerdem muss sichergestellt sein, dass das verunfallte Reh keine Krankheits- oder Seuchenanzeichen zeigt und der Verwesungsgrad nicht schon zu weit fortgeschritten ist. Für all diese Aspekte seien die meisten Tierheime schlicht nicht ausgelegt, so der Tierschutzbund weiter. Auch der Landestierschutzverband sprach sich deshalb gegen eine landesweit einheitliche Empfehlung aus – zu unterschiedlich seien die Voraussetzungen in den einzelnen Tierheimen.
In Reutlingen haben Tierheim und Kreisjägervereinigung die Zusammenarbeit bereits vor einiger Zeit beschlossen. Verfüttert werden sollen ausschließlich Rehe, und auch für diese gelten feste Vorgaben: Sie dürfen zum Beispiel keine Anzeichen für eine Krankheit oder Seuche zeigen. Zuerst hatte die Südwest Presse über das Projekt berichtet.
Auch wenn das Pilotprojekt bislang auf Baden-Württemberg beschränkt ist, ist das Thema Wildunfälle natürlich auch bei uns in NRW präsent. Jagdverbände wie die Kreisjägerschaft Lippe e.V. kümmern sich hierzulande um alles rund um Wild, Jagd und Naturschutz und vertreten laut eigenen Angaben rund 2000 Jägerinnen und Jäger allein im Kreis Lippe. Ob ähnliche Kooperationen wie in Reutlingen auch bei uns im Land denkbar wären, ist aktuell noch offen – spannend ist die Debatte aber allemal. Denn klar ist: Überfahrenes Wild gibt es leider auch auf NRW-Straßen regelmäßig, und die Frage, was mit den Tieren passiert, bleibt relevant.
Die Reutlinger Lösung zeigt, dass es durchaus kreative Ansätze gibt, um Ressourcen sinnvoll zu nutzen und gleichzeitig Tierheime finanziell zu entlasten. Gleichzeitig machen die Tierschutzverbände aber deutlich: Ohne die passenden hygienischen und fachlichen Voraussetzungen vor Ort ist das Ganze kein Selbstläufer, den man einfach überall kopieren kann. Es bleibt also spannend, ob und wie sich dieses Modell künftig auch über Baden-Württemberg hinaus verbreitet.
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