Das Volkshaus an der Severinstraße in Köln war einst das Herzstück der Arbeiterbewegung – heute steht dort ein Hotel. Erfahre, was dieser Ort erlebt hat.
Stell dir vor: Ende Juli 1914 drängen sich rund 10.000 Menschen an und im sozialdemokratischen Volkshaus an der Severinstraße in Köln – um gemeinsam gegen den drohenden Krieg zu protestieren. Klingt nach einem epischen Moment, oder? Genau das war das Volkshaus: ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde. Mitten im proletarischen Severinsviertel gelegen, war es der Dreh- und Angelpunkt der Kölner Arbeiterbewegung – von Bierkellerdebatten bis hin zu politischen Großkundgebungen.1
Das Volkshaus an der Severinstraße 199 war kein spontanes Projekt – es war ein echtes Statement. Die Kölner SPD und freie Gewerkschaften ließen sich den Bau satte eine Million Mark kosten. 1906 war der Treffpunkt bezugsfertig und bot von Anfang an alles, was eine aufstrebende Bewegung brauchte:1
„Die Leute haben sich dort versammelt, gelernt, diskutiert und getrunken“, bringt es der frühere Kölner DGB-Vorsitzende und Historiker Wolfgang Uellenberg van Dawen auf den Punkt.1 Klingt fast ein bisschen wie das perfekte Wohnzimmer für eine ganze Bewegung, oder?
Ab 1908 durften Frauen dank des Reichsvereinsgesetzes offiziell Mitglied in politischen Vereinen und Parteien werden – das Volkshaus wurde damit zum gemischtgeschlechtlichen Treffpunkt. Schon 1906 trat die Politikerin und Agitatorin Clara Zetkin als Referentin auf, noch bevor das Haus überhaupt fertig gestellt war. Der „Kölner Lokal-Anzeiger“ schwärmte damals: „Mit durchdringender Stimme, die bis in die äußersten Winkel des Saals verständlich war, redete sie eineinhalb Stunden lang über die russische Revolution und anderes mehr.“1
1912 gab es dann einen riesigen Erfolg zu feiern: Adolf Hofrichter zog als erster Sozialdemokrat aus Köln in den Reichstag ein – Tausende feierten den Triumph direkt am Volkshaus. Kein Wunder, denn die SPD-Mitgliedszahlen waren von 214 im Jahr 1890 auf rund 11.000 zu Beginn des Ersten Weltkriegs angestiegen.1
Natürlich blieb es nicht immer harmonisch. Die politischen Spannungen der Weimarer Republik machten auch vor dem Volkshaus nicht halt. Im November 1921 kam es zu Tumulten, als Reichstagsabgeordneter Wilhelm Sollmann die KPD als „Gefahr für die Arbeiterklasse“ bezeichnete. Im April 1931 sprengten politisch Andersdenkende sogar eine Frauenversammlung der SPD – Polizeibeamte wurden verletzt.1
Doch der dunkelste Moment kam am 2. Mai 1933: Die Nazis stürmten das Volkshaus. Gewerkschaften wurden verboten, Funktionäre kamen in „Schutzhaft“. Fortan residierte die „Deutsche Arbeitsfront“ im Gebäude, auf dem Dach wehte die Hakenkreuzfahne. Das gesamte Gewerkschaftsvermögen wurde dem nationalsozialistischen Einheitsverband zugeschlagen.1
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Volkshaus stark beschädigt. Heute befindet sich an der Severinstraße 199 ein Hotel – und wer vorbeiläuft, ahnt nichts von der bewegten Geschichte dieses Ortes. Denn einen Hinweis darauf gibt es nicht. Wolfgang Uellenberg van Dawen bedauert das: Eine Bodenplatte, ähnlich wie an anderen historischen Stellen entlang der Severinstraße, wäre auch hier wünschenswert.1
Köln steckt voller solcher Geschichten – Orte, die nach außen hin ganz normal wirken, aber eigentlich mit Geschichte vollgepackt sind. Das Volkshaus ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie viel Vergangenheit manchmal hinter einer schlichten Hotelfassade steckt. Also: Augen auf beim nächsten Spaziergang durch das Severinsviertel!
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