Autorin Seyda Kurt nimmt uns mit auf einen Rundgang durch Köln-Kalk und zeigt, warum ihr Veedel mehr ist als sein Ruf – voller Geschichte, Zusammenhalt und…
Wer Seyda Kurt fragt, wo sie sich am wohlsten fühlt, bekommt eine klare Antwort: Kalk. Das Kölner Viertel ist nicht nur Heimat der 34-jährigen Autorin – es ist auch der Schauplatz ihres Debüt-Romans „Zeit der Monster“, in dem sie Kalk ein literarisches Denkmal setzt. Für die Kölnische Rundschau hat sie ihre Lieblingsorte gezeigt und dabei verraten, warum dieses Viertel so viel mehr ist als sein Ruf.1
Startpunkt der Tour ist die Kalker Post – oder besser gesagt: das, was von ihr übrig ist. Die Postfiliale schloss zum 30. Juni 2026 ihre Türen. Im Roman heißt der Ort „Alte Post“, was Kurt heute schmunzeln lässt: „Da war ich wohl ziemlich visionär.“1
Nur ein paar Meter entfernt liegt der Nachbarschaftstreff Toni an der Antoniastraße – Kurts erster und letzter Stopp auf dem Rundgang. Montags ab 16 Uhr ist hier Offene Tür, für Einsame, für Migrantinnen und Migranten, für Alteingesessene. Kurt kennt fast alle, die hier ein- und ausgehen. Für sie ist Kalk wie ein „flirrendes Wimmelbild. Es ist voller Menschen und Farben, und darunter liegen Risse und Wunden.“1
Weiter geht es zur Sieversstraße 20 – die Adresse, an der Kurt ihre ersten elf Lebensjahre verbracht hat, und die im Roman zur Heimat einer unkonventionellen Familie wird. Gegenüber lag damals die Brache einer Fabrik, die eine eigenartige Sogwirkung auf das Mädchen Seyda ausübte: gleichzeitig anziehend und abstoßend.1
In der Nähe stehen die Hallen Kalk – Ruinen des alten Arbeiterviertels, in denen die Deindustrialisierung bis heute sichtbar ist. Kurts Großvater kam in den 60er Jahren nach Köln und arbeitete bei Ford, die Großmutter in einer Wurstfabrik. Ihr Vater reiste Anfang der 80er aus der Türkei an. Diese Familiengeschichte fließt in den Roman ein, ebenso wie der Streik der Chemiearbeiter von 1917 und die Schließung des Chemiewerks 1994.1
Ein kurzer Abstecher führt in den Kalker Stadtgarten – eine der wenigen Grünflächen im Viertel. „Kalk hat kaum Grünflächen, das wirkt sich auch auf die Gesundheit der Menschen aus“, sagt Kurt. Gleichzeitig ärgert sie sich über Vorurteile: Kameraüberwachung auf der Kalker Hauptstraße schaffe keine echte Sicherheit. Was stattdessen helfe? Echtes bürgerschaftliches Engagement – und davon gibt es in Kalk reichlich.1
Kurt und ein Freund drehen regelmäßig ihre selbsternannten „Bürgermeisterrunden“ durchs Viertel, schauen nach den Leuten, fragen, wie es ihnen geht. Im Roman übernimmt das die Karl-Küpper-Brigade. „Für mich gibt es keinen Ort der Welt, an dem ich mich so sicher fühle wie in Kalk. Ich könnte jederzeit in jeden beliebigen Döner-Laden gehen und sagen: ‚Leute, helft mir.'“1
Beim Kalker Buchladen an der Kalker Hauptstraße 170 liegt Kurts Roman bereits im Schaufenster – und auf einem eigenen Tisch drinnen. Vorgestellt wurde das Buch in der Kirche St. Marien, genau dort, wo Kalk vor über 1.000 Jahren als „Sumpf“ erstmals urkundlich erwähnt wurde. „Es war die erste große Kulturveranstaltung, der die Kirchengemeinde zugestimmt hat. Das hat mich stolz gemacht.“1
Vor der Löwenzahn-Apotheke an der Kalker Hauptstraße 215 erinnern zwei unscheinbare Plaketten an Karl Küpper – den einzigen Karnevalisten, der es wagte, die Nazis durch den Kakao zu ziehen. „Warum kein Denkmal?“, fragt Kurt.1
Den Abschluss macht das Saana auf der Kalker Hauptstraße 105, ein kurdisch-irakisches Restaurant. Hier gibt es laut Kurt den besten Adana Kebab im Viertel – bekannt weit über Kalk hinaus.1
Auch wenn Kurt noch einen Koffer in Berlin hat und dort den weiten Himmel genießt: Wegziehen aus Kalk? Kommt nicht infrage. „Ich würde niemals in ein anderes Kölner Viertel ziehen. Wenn ich in die Innenstadt muss, ist das für mich schon wie eine weite Reise. Ich fahre dann nach Köln.“ Kalk ist eben nicht einfach ein Stadtteil – Kalk ist Gefühl.1
Wir informieren dich regelmäßig über aktuelle Nachrichten, Staus und wichtigen Themen - ohne Dich zu nerven!