Rolf Mandelartz aus Köln feiert am 15. August seinen 100. Geburtstag. Sein bewegtes Leben zeigt, was es bedeutet, ein echter kölscher Jung zu sein.
Hundert Jahre alt werden – das schafft nicht jeder. Rolf Mandelartz aus Köln tut es am 15. August, und sein Leben ist eine Geschichte, die man sich kaum besser ausdenken könnte: Krieg, Glück, Liebe und eine unerschütterliche Verbundenheit zu seiner Heimatstadt. Ein echter kölscher Jung durch und durch.1
Bevor wir über Geburtstagstorte und Kölsche Lieder reden, müssen wir kurz zurückblicken – denn ohne einen entscheidenden Glücksmoment wäre dieser Geburtstag nie möglich gewesen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges liegt der junge Mandelartz in einem Schützenloch auf einem Schlachtfeld in Ungarn. Eine Kugel durchschlägt seinen Fuß. Sein Glück: Er lag „falsch herum“ im Erdloch, die Schüsse kamen von hinten. „Andersherum hätte die Kugel meinen Kopf getroffen. Dann wäre ich nicht mehr, das war Glück“, erinnert er sich.1
Schwer verwundet, aber lebendig: Monatelang behandeln ihn Ärzte in Nürnberg, bevor er 1945 zurück nach Köln kehrt – in eine Stadt, die er kaum wiedererkennt. „Da bin ich die Hohe Straße entlanggelaufen. Da stand kein Stein auf dem anderen.“ Die orthopädischen Schuhe, die er wegen der alten Verwundung noch heute tragen muss, sind ein stilles Zeugnis dieser Zeit.1
Zurück in der Heimat heuert Mandelartz beim Kölner Versicherungskonzern Gerling an – und gibt freimütig zu, dass man damals dort jeden genommen habe. „Ich hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung“, sagt er und lacht. Trotzdem beweist er sich, landet in der Finanzabteilung und bleibt dort bis zur Rente. Den Job macht er gerne – aber so richtig lebt er in der Freizeit auf.1
Mit seiner Freundesclique trifft er sich auf den Poller Wiesen zum Sport. Als Gerling Gleitzeit einführt, ist er morgens als Erster im Büro – und nachmittags spätestens um Viertel nach vier draußen auf der Wiese. Nach dem Bau der Severinsbrücke Ende der 50er Jahre schwimmen er und seine Freunde sogar rheinabwärts bis zur Hohenzollernbrücke – immerhin 1.400 Meter. Ob das das Geheimnis für ein so langes Leben ist? Mandelartz lächelt. Sicher ist er sich da selbst nicht.1
Auch seine große Liebe findet er auf einem Kölner Ausflug: Ende der 50er Jahre lernt er seine Frau Mia auf einem Betriebsausflug in Bad Godesberg kennen, wo sie damals in der betriebseigenen Gastronomie bei Gerling arbeitet. Zusammen bereisen sie die Welt – Südafrika, Mexiko, Thailand, sogar mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland. „Ich habe die Welt gesehen“, sagt Mandelartz. Und trotzdem: Nicht nach Köln zurückzukehren, das kam ihm nie in den Sinn.1
Heute wohnt Mia im fünften Stock desselben Pflegeheims in Lindenthal, extra in der Nähe ihres Mannes. Wenn Rolf sie besucht, sonnt er sich auf ihrem Balkon oder schaut mit ihr fern. Und wenn er nicht bei ihr ist, liest er – Zeitschriften, Sachbücher, sogar medizinische Fachliteratur. Warum? „Damit ich die Leute, die ein Wehwehchen haben, aufklären kann.“ Typisch kölsch: immer für andere da.1
Wer Mandelartz fragt, warum er Köln so liebt und nie woanders leben wollte, bekommt keine lange Antwort – sondern ein Ständchen: „Ich ben ene kölsche Jung, wat wills de maache? Ich ben ene kölsche Jung und dunn jähn lache.“ Seinen 100. Geburtstag will er mit Familie, Freunden und Mitbewohnern feiern. Viele Gedanken macht er sich nicht drum. Aber eines steht fest: Gesungen wird – kölsche Lieder, was denn sonst. „Ich bin och söns nit schlääch, nä, ich ben brav. Ming Lieblingswöötche heiß: Kölle Alaaf!“1
Auf noch viele weitere Jahre, Rolf – Kölle Alaaf!
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