146 Meter über dem Rhein: Bei der ersten öffentlichen Führung durch die Fleher Brücke gab es maroden Stahl, Klebeband als Rostschutz und einen atemberaubenden…
Stell dir vor, du stehst direkt unter einer der meistbefahrenen Autobahnbrücken Deutschlands – und hörst den Verkehr nur dumpf durch Beton und Stahl. Genau das haben 128 glückliche Menschen erlebt, die bei den ersten öffentlichen Führungen durch die Fleher Brücke dabei sein durften. Über 200 wollten sich anmelden, aber mehr Plätze gab es leider nicht. Wer drin war, hat etwas gesehen, das so schnell niemand vergisst.1
Schon kurz nach dem Betreten des Bauwerks wird klar, warum alle einen Helm tragen müssen: Die Decken sind niedrig, Beton und Metall lauern überall. Projektleiterin Birgit Garbe führte die Gruppen durch den „Bauch“ der Brücke – direkt unter der Fahrbahn, Richtung Mitte der Konstruktion. An fast jedem Stahlträger sind Markierungen von Prüfingenieuren zu sehen, dazu aufgeschraubte Stahlprofile als Verstärkung. Der Grund ist längst kein Geheimnis mehr: Die Brücke im Verlauf der A46 ist marode, ein Neubau ist bereits beschlossen.1
Fotografieren? Leider streng verboten – alle Teilnehmer mussten das vorher unterschreiben. Der Grund klingt ernst: „Wir leben ja nun in politisch kritischen Zeiten. Deshalb wollten unsere Juristen nicht, dass Menschen durch diese Gelegenheit terroristische Ideen entwickeln“, erklärt Garbe. Die Brücke gehört zur kritischen Infrastruktur – und das merkt man.1
Durch eine Falltür gelangt die Gruppe auf die sogenannte Mittelkappe, den Bereich zwischen den Fahrspuren. Hier draußen sind Fotos erlaubt – und der Blick auf die Schrägseile ist beeindruckend. Was aus der Ferne filigran wirkt, ist tatsächlich so dick wie ein Unterarm. Ein Meter Seil wiegt mehr als 60 Kilogramm.1
Trotz vier Lagen Korrosionsschutz gibt es Rostschäden. Die schnelle Lösung? Spezielles Klebeband. Klingt absurd, ist aber tatsächlich zugelassen, wie Projektingenieur Lukas Pogrzeba erklärt. Seit 2005 sind gut 46 Millionen Euro in die Instandhaltung der Brücke geflossen – bei ursprünglichen Baukosten von 106 Millionen D-Mark Ende der Siebzigerjahre.1
Das absolute Highlight der Tour: der Aufstieg auf den Pylon. 519 Stufen über extrem steile Treppen, wie in einem U-Boot. Zwei Teilnehmer haben vorher dankend verzichtet, eine weitere kehrt unterwegs um. Irgendwo rund um die 50-Meter-Marke prangt ein Hakenkreuz auf dem Stahl – hinterlassen von Einbrechern, die sich immer wieder Zugang verschaffen. „Die gehen mit extremer Gewalt zuwerke“, sagt Garbe sichtlich mitgenommen.1
Wer durchhält, wird auf 146 Metern Höhe belohnt: majestätische Ausblicke über den Rhein, bis hin zu den Halden am Niederrhein und im Ruhrgebiet. Der Pylon der Fleher Brücke ist übrigens auch nach 47 Jahren noch immer der höchste in ganz Deutschland – selbst wenn der Rekord als längste Schrägseilbrücke der Welt schon kurz nach der Fertigstellung verloren ging.1
Der Blick in die Zukunft ist klar: Es werden zwei getrennte Brücken entstehen, eine pro Fahrtrichtung. Auch während des Baus sollen immer zwei Spuren pro Richtung zur Verfügung stehen. Im nächsten Jahr startet zunächst ein Architekturwettbewerb. Fest steht: Der Neubau wird für heutige Fahrzeug-Gewichte ausgelegt sein – ein Problem, das die alte Brücke von Anfang an hatte.1
Was bleibt? Ein Erlebnis, das zeigt, wie viel Technik, Geschichte und auch Dramatik in einem Bauwerk stecken können, an dem die meisten von uns täglich einfach drüberfahren. Schade, dass die Führungen so schnell ausgebucht waren – aber vielleicht gibt es ja eine zweite Chance, bevor der Neubau kommt.
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