G9 trifft NRWs Freiwilligendienste hart: In Bethel bleiben doppelt so viele FSJ-Stellen unbesetzt wie sonst – was das für soziale Einrichtungen bedeutet.
Der Schulwechsel von G8 auf G9 macht sich in NRW längst nicht nur an Universitäten und in Ausbildungsbetrieben bemerkbar. Auch soziale Einrichtungen, die auf Freiwillige im FSJ oder BFD setzen, kämpfen dieses Jahr mit einer spürbaren Lücke – und das trifft besonders die Menschen, die auf diese Unterstützung angewiesen sind.1
Stefan Homann von der Freiwilligenagentur in Bethel bringt es auf den Punkt: „Im Bereich Bielefeld und OWL rechnen wir damit, dass etwa 8 bis 9 Prozent unserer Stellen im Freiwilligendienst unbesetzt bleiben. Das ist etwa doppelt so viel, wie in bisherigen Jahren.“1 Und landesweit sieht es sogar noch düsterer aus: Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege berichtet von durchschnittlich 20 Prozent unbesetzten Stellen bei ihren Mitgliedsorganisationen.1
Der Grund ist klar: Weil die meisten Gymnasien in NRW von G8 auf G9 umgestellt haben, haben in diesem Jahr deutlich weniger Schülerinnen und Schüler ihr Abitur gemacht. Und genau diese Altersgruppe ist die klassische Zielgruppe für Freiwilligendienste.1
Wie drastisch das in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel der ambulanten Sozialpsychiatrie und Suchthilfe in Hagen, einer Betheler Außenstelle. Einrichtungsleiter Marcel Schmidt hatte in vergangenen Jahren vier oder sogar fünf Freiwillige – dieses Jahr konnte er nur eine einzige Stelle besetzen.1
Für ihn ist klar, was das bedeutet: „Die Freiwilligen sind ein großer Bonus. Die sind nicht so eng getaktet wie unsere Festangestellten und können besondere Ausflüge oder Projekte für die Klienten organisieren: Open-Air-Kino oder Tretbootfahren zum Beispiel.“1 In Hagen wurde die Lücke dieses Jahr durch zwei neue Azubis aufgefangen – ein echter Glücksgriff, wie Schmidt selbst sagt: „Unsere ehemalige Auszubildende hat zwei ihrer Freundinnen angeworben. Normalerweise läuft es andersherum.“1
Mittendrin statt nur dabei: Nicole Kozalla, 18 Jahre alt, hat Anfang August ihr Freiwilligenjahr in der Suchthilfe begonnen. Ihr Alltag? Klienten in ihren Wohnungen besuchen, Erledigungen begleiten, für schnelle Absprachen erreichbar sein – und dafür sogar ein Diensthandy mit Tasten nutzen, eine „gewaltige Umstellung“ für die 18-Jährige.1
„Heute Morgen habe ich eine Klientin kurzfristig zum Zahnarzt begleitet, weil sie Zahnschmerzen hatte. Sie hat Angst vor solchen Terminen, deshalb wollte ich sie unbedingt dabei unterstützen“, erzählt Kozalla.1 Genau diese Art von Flexibilität und menschlicher Nähe ist es, die Freiwillige in sozialen Einrichtungen so wertvoll macht – und die jetzt an vielen Stellen fehlt.
Um die Lücke so klein wie möglich zu halten, hat die Freiwilligenagentur Bethel ihre Strategie angepasst. Stefan Homann erklärt: „Wir sind seit einiger Zeit verstärkt auf Realschulen, Sekundarschulen und Hauptschulen zugegangen und haben versucht, die jungen Menschen dort gezielt anzusprechen.“1 Ein Ansatz, der zeigt: Der Freiwilligendienst muss sich breiter aufstellen, wenn er weiterhin funktionieren soll.
Und das Ziel dahinter geht über die reine Arbeitskraft hinaus. „Unser Ziel ist vor allem, junge Menschen für die sozialen Berufe zu begeistern und eventuell langfristig halten zu können“, so Homann.1 Bei Nicole Kozalla hat das jedenfalls schon geklappt: Nach ihrem Freiwilligenjahr will sie Soziale Arbeit studieren – weil ihr die Arbeit in der Suchthilfe „jetzt schon richtig gut gefällt“.1
Der G9-Effekt ist kein vorübergehendes Rauschen – er zeigt, wie abhängig soziale Einrichtungen von einem stabilen Zustrom junger Freiwilliger sind. Während manche Einrichtungen mit kreativen Lösungen reagieren, bleibt die Lage in weiten Teilen NRWs angespannt. Gut, dass es Menschen wie Nicole gibt, die trotzdem anpacken.
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