Energieexperten warnen vor einer Stromlücke in NRW durch den Kohleausstieg 2030 – wir zeigen, welche Risiken für Versorgung und Strompreise drohen.
Wir hatten euch in einem früheren Beitrag schon erklärt, was hinter der Sorge um den Kohleausstieg steckt. Jetzt gibt’s neue Wortmeldungen von Energieexperten, die noch mal richtig Alarm schlagen. Worum geht’s? Die letzten Braunkohleblöcke von RWE sollen am 31. März 2030 vom Netz gehen. Die neuen Gaskraftwerke, die die Lücke schließen sollen, liefern aber laut Antwort des NRW-Wirtschaftsministeriums auf eine Kleine Anfrage der FDP erst ab dem 1. November 2031 zuverlässig Strom. Dazwischen liegen fast zwei Jahre, in denen laut Kritikern einiges schiefgehen könnte.
Besonders deutlich wird Manuel Frondel vom RWI – Leibniz-Institut in Essen. Dem WDR und dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte er, der Ausstieg könne seiner Meinung nach nicht funktionieren, wenn man nicht riskieren wolle, dass die Versorgungssicherheit leidet und die Strompreise weiter steigen. Sinke das Stromangebot, steige automatisch der Preis – und genau dieses Risiko sollte man laut Frondel nicht eingehen. Er geht sogar davon aus, dass die Praxis am Ende dafür sorgen wird, dass die Kohlekraftwerke 2030 gar nicht abgeschaltet werden, weil niemand Stromknappheit und explodierende Preise riskieren wolle.
Auch Andreas Löschel, Energieökonom aus Bochum und Berater von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, warnt laut WDR vor konkreten Engpässen in den Wintern 2030/2031 und 2031/2032. In dieser Zeit wären die Braunkohlekraftwerke schon abgeschaltet, die neuen Gaskraftwerke aber noch nicht am Netz – zwei Winter, die es zu überbrücken gilt.
Eine genaue Zahl für die drohende Stromlücke gibt es laut WDR nicht, weil viel von Annahmen zu Netzausbau und sogenannten Dunkelflauten abhängt. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Uni Köln (EWI) rechnet bei einem Kohleausstieg 2030 aber mit einer theoretischen Versorgungslücke von bis zu 16 Gigawatt in extremen Wetterphasen – also wenn wenig Wind und Sonne da sind, aber die Nachfrage hoch ist. Gerade im Winter, wenn geheizt wird und es länger dunkel ist, wird’s kritisch. Weil Stromspeicher bis 2030 noch Mangelware bleiben, müsste NRW in solchen Phasen laut WDR größere Strommengen aus anderen Bundesländern oder dem europäischen Ausland importieren – was den Strompreis zusätzlich nach oben treiben würde.
Dass es an der Preisfront schon jetzt ruckelt, zeigt laut WDR das Beispiel EWE: Der Grundversorger hat zum Jahreswechsel Preiserhöhungen von rund 17 Prozent angekündigt, was Preise von teils über 34 bis 38 Cent pro Kilowattstunde bedeuten würde. Die Netzentgelte stehen ebenfalls unter Druck. Geplant sind staatliche Entlastungen von rund 6,5 bis 10 Milliarden Euro, dazu könnte eine Senkung der Stromsteuer auf EU-Mindestniveau die Haushalte etwas entlasten.
Eigentlich sollte die Bundesregierung bis zum 15. August 2026 einen Revisionsbericht vorlegen, der klärt, ob der Kohleausstieg verschoben wird. Dieser Termin wurde laut WDR gerissen, jetzt wird erst im ersten Halbjahr 2027 mit einer Veröffentlichung gerechnet. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur sprach gegenüber WDR und Kölner Stadt-Anzeiger von „Frühjahr, Frühsommer“ – das könnte bedeuten: erst nach der NRW-Landtagswahl Ende April. Neubaur betont, das Land habe seine Hausaufgaben gemacht und Planbarkeit beim Braunkohleausstieg sichergestellt. FDP-Fraktionschef Henning Höne wirft der Landesregierung dagegen vor, auf Zeit zu spielen und Entscheidungen bewusst hinter die Wahl zu schieben.
Immerhin tut sich was beim Ersatz: In der ersten Vergaberunde gab es laut WDR elf Zuschläge mit insgesamt 5,2 Gigawatt Leistung, verteilt auf RWE, LEAG und die Stadtwerke Karlsruhe. Drei der neuen Kraftwerke sollen nach NRW kommen, an die Standorte Voerde, Weisweiler und Werne. Für Weisweiler ist laut einem RWE-Sprecher die Baugenehmigung bereits erteilt, der Spatenstich soll in wenigen Wochen folgen. Die erste Anlage dort soll nach RWE-Angaben 2030 in Betrieb gehen. Wie die Aachener Zeitung berichtet, fordert die FDP angesichts der engen Zeitschiene, den Kohleausstieg zu verschieben, da für die Monate zwischen Kohle-Aus und Gaskraftwerk-Start bislang kein verbindlicher Plan vorliege.
Fest steht: Die Zeitfenster zwischen Kohle-Aus und Gas-Start sind eng, und Experten wie Frondel und Löschel sehen echten Handlungsbedarf. Ob der Kohleausstieg am Ende wirklich 2030 kommt oder doch verschoben wird, entscheidet sich wohl erst mit dem Revisionsbericht des Bundes – und der lässt weiter auf sich warten.
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